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S O
P H I E , 81, Theologin, seit 52 Jahren verheiratet, drei verheiratete
Söhne, sieben Enkelkinder
Goldene Hochzeit hat das Paar 2002 gefeiert! In aller Bescheidenheit,
denn brüsten kann man sich unter diesen Umständen nicht
- in Bescheidenheit und Dankbarkeit, zusammen mit den drei Söhnen
und Schwiegertöchtern, den vier Enkeln und drei Enkelinnen.
Was hat sie zusammengehalten?
Der Wunsch nach Familie und Kindern, ein Lebenswerk, bei dem die
Frau mitwirkte, das der Versöhnung nach dem 2. Weltkrieg galt,
das internationale Kontakte und mehrjährige Auslandsaufenthalte
mit einschloss und Hunderten von jungen Leuten der neuen Generationen
eine Lebensperspektive gab. Es hielt sie auch zusammen die Freundschaft
und das Vertrauen der Frauen beider Familien untereinander.
Der
Schock
Der grosse Schock kam nach 26-jähriger schwieriger aber lohnender
Ehe, in einer Zeit beruflicher Krise des Mannes. Sophie hatte nie
von solchen Problemen gehört. Sie fühlte sich als Fassade
benutzt, betrogen, nicht nur von ihrem Mann, auch von Gott. Das
war das Schlimmste, denn Gott hatte ihr diesen Mann zugeführt,
auf ihr Gebet hin. Für ihn hatte sie sich aufgespart. Und er
war Pfarrer. Gott verhöhnte sie! - Natürlich kam ihr auch
die bedrängende Frage, was für eine Sorte Frau sie sei,
dass sie einen solchen Mann anziehe. - Dazu wuchs in ihr eine panische
Angst vor einem Skandal, Blossstellung und Enthüllungen in
der Presse. Striktes Schweigen gebot der Mann. Es kam nie zu einem
wirklichen Gespräch - im Lauf der folgenden zwei Jahre gab
es brockenweise Geständnisse, z.B. eins, das ihm grauenhaft
schwerzufallen schien, nämlich dass er als Kind gerne ein Mädchen
gewesen wäre... Dann wieder wurde alles abgeleugnet. - Nur
nicht krank werden, sagte sie sich!
Suche
nach Hilfe
Zum ersten Mal machte Sophie ihrem Herzen schluchzend Luft in einem
Beichtstuhl in der Markuskirche in Venedig, wo ihr ein alter Priester,
der Französisch konnte, sagte: "Ma fille, ich faut comprendre
et pardonner." Als ersten Schritt zum Verstehen kaufte sie
sich heimlich ein Buch über Homosexualität und fand später
Hilfe an drei Orten:
Erstens bei einem Vetter, der
Psychiatrieprofessor war, aber erst beim dritten Gespräch ihr
überhaupt Glauben schenkte. Er meinte, in ihrem Alter (56)
sei das Problem nicht mehr so gravierend, und sie solle nicht überall
davon erzählen. (Diese Neigung verspürte sie allerdings
an Orten, wo man sie nicht kannte). Ausserdem solle sie eine eigene
Arbeit suchen.
Die zweite Hilfe fand sie bei
einer Schulkameradin, die in der Ehe mit einem Bigamisten Kinderlähmung
bekommen hatte und Eheberaterin geworden war. Da erfuhr sie wirkliche
Empathie, tiefes Mitfühlen. Sie solle nicht dauernd ihren Mann
zu entschuldigen suchen, hiess es, und sein Schriftbild zeige Arroganz.
Die dritte Hilfe war eine Psychiaterin
aus dem Freundeskreis der Familie des Mannes. Die würde nicht
schockiert sein. Sie bestärkte Sophie, ihre Erinnerungen und
Erfahrungen aufzuschreiben und am Rand ihre Gefühle zu notieren:
z.B. Hitze, Jacke ausziehen, rumlaufen...
Jede dieser drei Personen sah
sie höchstens drei Mal. Auf eine Analyse mit der nachfolgenden
fast unausweichlichen Abhängigkeit wollte sich Sophie nicht
einlassen. - Die Suche nach Leidensgefährtinnen war umsonst,
sie schrieb an die Autorinnen von Artikeln in Zeitungen, besuchte
die Tagung einer Evangelischen Akademie im Ausland, im Versteck
Vorträge an Kirchentagen. Immer ging es nur um homosexuelle
Männer und Lesben.
Suche
nach Neuem
Sie schrieb für sich in den folgenden Jahren über 20 dicke
Hefte voll. Ein wesentlicher Schritt dabei war, dass sie beschloss,
dieses Schreiben ernst zu nehmen, so ernst wie ihr Mann seinen Beruf;
sie setzte sich morgens erst an den Schreibtisch und war erstaunt,
dass die Hausarbeit dann nach 2-3 Stunden ihr ganz leicht von der
Hand ging, gar nicht mehr "Pflicht" und "Arbeit"
war.
Das Paar war inzwischen in die
Heimatstadt des Mannes zurückgezogen, aber da getraute sich
Sophie kaum unter die Leute, vor allem nicht in die Kirche. Sie
unternahm Expeditionen wie in einer fremden Stadt, z.B. schloss
sie sich einer syrisch-orthodoxen Gemeinde an, die sich grade in
einem türkischen Viertel formierte, und studierte, wie Männer
und Frauen getrennt und in Altersgruppen ihre Funktion hatten im
Gottesdienst. Sie besuchte als Hörerin psychologische Seminare
von Frauen an der Universität und hatte das Glück, in
einer Rollenspielgruppe mit jungen Frauen mitmachen zu dürfen.
Rollenspiele waren sehr hilfreich im Lösen von Nebenproblemen,
die es ja auch immer gibt, dann wird das Hauptproblem, das verschwiegen
werden muss, leichter zu tragen. (Das war übrigens eine ausgezeichnete
Schule für die spätere Rolle als Schwiegermutter: jedes
dritte Rollenspiel der jungen Frauen betraf eine Schwiegermutter!)
Ablösung
und Zusammenleben
Zwischen dem Ehepaar war ein Ablösungsprozess im Gang. Sophie
tippte zwar noch für ihren Mann, liess sich aber bezahlen,
was er ohne weiteres tat - dann wollte sie auch das nicht mehr,
denn er schrieb ja selber fliessend und kaufte sich eine elektronische
Schreibmaschine. Das Zusammenleben war zunehmend schwierig. Sehr
hilfreich war, dass Sophie ihre geistig und körperlich sehr
hinfällige 83-jährige Mutter ins Haus nehmen konnte und
pflegte. Da hatte sie nun ein wirkliches Problem zum Vorzeigen für
die Umwelt, und sie bekam auch Mitgefühl und Anerkennung zu
spüren. Ihr Mann half und zeigte viel Verständnis. Er
reichte der Mutter noch das Abendmahl, bevor sie nach 4 Monaten
starb. Diese Sterbebegleitung hat Sophie viel gegeben und hat sie
gereift.
Im Lauf der Zeit wohnten (und
wohnen meist bis heute) wechselnde junge Leute mit im Haushalt,
auch das war eine Hilfe, Männer und Frauen, wobei Sophie die
Frauen nicht unbedingt vorzog, weil sie eine Tendenz hatten, sich
auf Dauer häuslich einzurichten, immer mehr Küchenplatz
zu beanspruchen etc.
Trotz allem kam es immer wieder
zu heftigen Szenen zwischen dem Ehepaar. Man hört vermehrt
von geschiedenen Pfarrersleuten. Das war für Sophie völlig
undenkbar, das Eheversprechen war ihr heilig: eher sterben. Als
sie einmal vorschlug, dann gehe sie halt in eine klösterliche
Frauenkommunität wohnen, - in der orthodoxen Kirche z.B. tun
das Ehefrauen von Priestern, die dann als Alleinstehende Bischof
werden können - da rastete ihr Mann in totaler Panik aus, und
sie begriff, dass sie ihn nicht verlassen dürfe.
Sie trafen zwei Jahre nach dem
ersten Schock folgende Vereinbarung (nicht schriftlich, nur mündlich):
die traditionelle Ehegemeinschaft ist aufgelöst. Die gehorsame
Ehefrau gibt es nicht mehr. Sie legt ihren Ehering ab und trägt
statt dessen den ihrer Grossmutter, den sie fand. Als Zeichen der
Verbundenheit legt sie ein goldenes Halsband nicht mehr ab, das
er ihr zur Hochzeit schenkte. Er wollte seinen Ehering weiter tragen;
er wurde ihm im Krankenhaus gestohlen! Sie zieht in ein eigenes
Schlafzimmer, arbeitet nicht mehr für ihren Mann. Nach aussen
bleibt alles beim Alten.
Gespräch
mit den Söhnen
Die beidseitigen Geschwister und die drei Söhne waren inzwischen
eingeweiht. Den Söhnen hatte Sophie gesagt, sie akzeptiere
beide Veranlagungen, nur bitte sie sie inständig, nicht beide
nebeneinander leben zu wollen. Das sei Ehefrauen nicht zuzumuten.
Worauf in den folgenden Jahren alle drei heirateten, in der Kirche,
Kinder bekamen und taufen liessen! Übrigens war der Mann ein
guter Vater. Während Sophie streng war und in allem konsequent
zu sein versuchte, brachte der Vater den Ausgleich, indem er alles
legerer nahm, auch die Schule, nicht als fordernder, sondern akzeptierender
Vater auftrat, Anordnungen und Ansichten wechselte, manchmal im
Jähzorn aber ungerecht war. Sophie war als Kind jähzornig;
in der Ehe, angesichts der Szenen ihres Mannes, legte sie das ganz
ab, zur Verwunderung ihrer Schwester!
Hat
Gott das so gewollt?
Mit ihrem Glauben hat Sophie ihre Ehe folgendermassen in Einklang
gebracht. Gott hat seltsame Wege. Auch Betrug dient seinem Heilsweg:
Jakob betrog seinen Bruder Esau und zusammen mit seiner Mutter den
Vater, damit erlangte er den Segen, den ihm Gott bestimmt hatte,
obwohl er der jüngere Bruder war. Sophie hätte ihren Mann
nicht geheiratet, hätte sie von seiner Veranlagung gewusst.
Sie hatte sich so sehr eine Familie gewünscht und eine sinnvolle
Lebensaufgabe. War das Verschweigen, der "Betrug" also
notwendig gewesen? Diese Ehe schien die Erfüllung aller Wünsche
zu bringen, und sie war auch nach der Bibel gültig und sinnvoll:
"Seid fruchtbar und mehret euch", und "die Frau sei
ihm eine Gehilfin". Mit Erstaunen findet Sophie jetzt Stellen
in Familienbriefen aus den ersten 10 Jahren der Ehe: "Ich bin
labil.. Gott sei Dank habe ich Walter, der mich durch seine blosse
Gegenwart immer wieder ins Lot bringt. Er ist genau der Mann, den
ich brauche." (Labil ist sie nicht, aber furchtsam!) Oder über
seine Arbeit mit Industrielehrlingen: "Walter kann es fabelhaft
mit diesen jungen Leuten. Ich komme nicht dahinter, wie er es eigentlich
macht. Er gibt sich nicht jovial populär, er versucht nicht,
sie für irgenwelche Ideale zu enthusiasmieren, er redet nicht
auf sie ein, er lässt sie leben, nimmt sie ernst - manchmal
auch nicht - und am Ende fangen doch viele an, Dinge zu tun, die
sie sonst nicht getan hätten." Sophie ist nun imstande,
die positiven Seiten ihrer Ehe wieder anzuerkennen.
Die Ehe hat sich gewandelt zu
einer Lebensgemeinschaft in angestrebter Freundschaft und wohl nie
erreichbarer Harmonie. Sophie hat ihren Mann losgelassen. Sie ist
nicht mehr seine Hüterin. Er ist frei und seinem Gott verantwortlich,
der ihn offensichtlich weiter führt. Er sagte ein oder zwei
Mal, der Verzicht falle ihm schwer, aber er hat nie wieder den Versuch
einer Annäherung gemacht. Was er für Bedürfnisse
hat und wie und wo er sie befriedigt, ist Sophie unbekannt. Er hat
schon im Lauf der Jahre ihr den Namen verschiedener Partner genannt,
die sie kennt, sie weiss auch, dass es flüchtige Begegnungen
mit Unbekannten gab. Dann wieder soll nie etwas gewesen sein - sein
Gedächtnis scheint auch nachzulassen, zu versagen... Sophie
selber ist zufrieden mit den weitverzweigten Verwandtschaften und
Freundschaften, die sie umgeben, und dass sie ab und zu Gelegenheit
hat, etwas von ihrer Lebenserfahrung weiterzugeben.
Sie hat mit Gott auch eine Art
Vertrag oder Handel abgeschlossen. Statt der Ehegemeinschaft sind
ihr eigene Wirkungskreise geschenkt worden, in denen sie auch Erfolge
erlebt. Sie wurde in die Vorstände einer kleinen und einer
grossen Entwicklungsorganisation gewählt, hat sich Projektreisen
in die 3. Welt finanziert und viel gelernt. Sie hat sich auch getraut,
in ihrer Kirchgemeinde aktiv mitzumachen. Sie hat etliches publiziert,
und jetzt mit 80 Jahren hofft sie noch, ihre Familiengeschichten
fertig zu recherchieren und auf dem Computer zu schreiben anhand
des Archivmaterials in ihrem Elternhaus. Wird sie auch einmal über
ihr eigenes Leben schreiben, falls ihr noch Zeit bleibt?
Heute,
nach 50 Jahren Ehe
Was jetzt noch ansteht im Zusammenleben sind die sich abzeichnenden
Altersbeschwerden, weniger körperliche bis jetzt als psychische,
wie Gedächtnisverlust, Nervosität, Reizbarkeit. Bei beiden
Partnern!... Krankheit hat sich bei Sophie ca. 10 Jahre nach dem
Schock - so lange hat er sie auf alle Fälle im Griff gehabt
- dann doch eingestellt, in Gestalt von Bandscheibenvorfällen.
Sie kam ohne Operation und dauernde Behinderung davon, aber das
Stehen beim Kochen wurde beschwerlich. Worauf ihr Mann freiwillig
Kochen und Einkaufen übernommen hat und eifersüchtig auf
seine Vorrechte in der Küche wacht. Was tun sie zusammen? Nach
dem Abendessen gerne Karten spielen, wobei jedem Siege gegönnt
werden! - Es hat auch immer wieder schöne geruhsame Ferien
gegeben zu zweit in den letzten Jahrzehnten. Ungefähr ein Mal
wöchentlich gehen sie zusammen an eine Veranstaltung oder Einladung,
sonst getrennt je nach Interesse.
Sophies Mann hatte in den Jahren
nach dem "Schock" eine Hepatitis und hartnäckige
schmerzhafte Hautinfektionen und musste sich später einer schweren
Aneurysma-Operation unterziehen, ist aber jetzt wieder sehr tätig
und gefragt, trägt auch Verantwortung in verschiedenen Gremien
und pflegt seine Interessen. Hoffentlich noch lange.
Der jüngste Sohn, der vor einem Jahr schwer verunglückt
war und wie durch ein Wunder allmählich wieder in den Besitz
seiner früheren Fähigkeiten gelangt, hat den Eltern eröffnet,
dass seine Frau und er sich trennen wollen, sie sich schon lange
entfremdet hätten, und er einen neuen Anfang zu machen beabsichtige.
Sie haben zwei Buben im Primarschulalter... Es liegt keine homosexuelle
Veranlagung vor. Diese neue grosse Sorge hat die Eltern einander
auch näher gebracht.
November 2002 / Februar 2003
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