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Zur
Person
Bruno, 44 Jahre, Abteilungsleiter, drei Kinder (9/12/15)
Vorgeschichte
Ich war 25, als Sandra ins Nachbarhaus einzog. Sie hatte soeben
das Studium abgeschlossen und hängte noch ein Jahr an für
die Dissertation. Wie ich, hatte auch sie Tiere, über die wir
uns schnell näher kamen. Es begann mit einem Hundespaziergang
und anschliessendem Kaffeetrinken. Es war für uns beide die
erste "richtige" Beziehung. Schnell wurde für uns
klar, das wir gemeinsam den Lebensweg weitergehen und Kinder haben
möchten. Nach einem Jahr heirateten wir. Nach einem weiteren
Jahr kam unser erstes Kind zur Welt. Da wir zur Miete wohnten, suchten
wir uns ein Haus. Unser Traumhaus fanden wir an einer exquisiten
Wohnlage, leicht erhöht, umgeben von Wäldern und Wiesen
mit Panoramablick in die Berge. Unser zweites und drittes Kind wurde
geboren. Sandra hat sich trotz drei Kindern, Haus, Garten und Tieren
immer ein wenig in ihrem Beruf bewegt und eine zusätzliche
Aus- und Weiterbildung auf ihrem erlernten Beruf abgeschlossen.
Für mich war klar, dass Sandra auch ihren Freiraum haben musste,
so übernahm ich viele Hausarbeiten und Kinderbetreuung, dies
auch weil ich immer ein echter Vater sein wollte und nicht nur einer
der von seinem Beruf absorbiert war, oder im Club oder beim Sport
anzutreffen war. Rundum galten wir als die Idealfamilie.
Der
Umbruch
An ihrem 40. Geburtstag fragte mich Sandra, wie denn das für
mich wäre, wenn sie sich für das Frauenthema interessieren
würde. Irritiert entgegnete ich, wie sie darauf käme.
Fundiert begründete sie mir, dass sie merke, dass das ein Thema
sei, das sie interessiere. Bestehendes wolle sie nicht gefährden,
es war immer klar, dass wir gemeinsam den Lebensweg weitergehen
bis die Kinder aus dem Gröbsten raus seien. Bedenkenlos "erlaubte"
ich ihr somit sich um das Thema zu interessieren, da auch ich fand,
es sei persönlich bereichernd sich für andere Denk- und
Sichtweisen zu interessieren. Inzwischen wurden die heranwachsenden
Kinder recht anstrengend und wir erlaubten uns gegenseitige Verschnaufpausen,
sprich Wochenenden und Ferienwochen, damit wir immer mit genügend
Kraft hatten, um unsere Kinder zu begleiten. So lernte Sandra immer
wieder andere Menschen kennen, so auch Venus, welche mir und den
Kindern als neue lässige Bekannte vorgestellt wurde. Im Sommer
erlitt dann Sandra auf einer Bergwanderung einen Unfall und war
vorübergehend nicht in der Lage, den Haushalt etc. zu versorgen.
Somit verfügte sie über viel Freizeit und war mit ihren
Kolleginnen und Venus soviel unterwegs, dass eine Aussprache anstand,
denn ich versorge neben Job auch den Haushalt und Kinder. An dieser
Aussprache erklärte mir Sandra, dass unsere Beziehung am Ende
angelangt sein, das heisse, sie werde neu definiert, ich sei einfach
nicht mehr als ihr Bruder für sie. Ich dachte ich sitze im
falschen Film. Ich weinte Nächte lang, so dass eigentlich die
Flüsse von meinen Tränen hätten Hochwasser führen
müssen. Wie Schuppen viel mir alles von den Augen, was am 40.
Geburtstag von Sandra begonnen hatte. Alles was bisher über
Jahre hinaus gegenseitig abgesprochen wurde, hatten nun mit einem
Schlag keine Gültigkeit mehr. Auch die Erkenntnis, dass unsere
Beziehung durch nichts, aber auch gar nichts mehr zu retten war,
war klar, denn "der Andere" war eine Frau und ich eben
ein Mann. Für mich eine unbeschreibliche Verletztheit.
Erste
Lösungsversuche
Für Sandra war es klar, dass Venus nun auch zu unserer Familie
gehöre. Venus war zuständig für Liebe und Sex, ich
für Job, Geld verdienen und Kinderhütedienst, wie bisher.
Wenn ich aus dem Haus ging, traf kurze Zeit später Venus ein
und kurz bevor ich wieder nach Hause kam reiste Venus wieder ab.
Ich ertrug diese Situation nicht mehr, dass andere Menschen bei
mir zu Hause auch zu Hause waren. Ich habe kaum noch gegessen. An
Weihnachten hatte ich dann einen leichten Sturz, bei welchem ich
mich verletzte und somit auch erwachte. Am zweiten Weihnachtstag
hatten wir einen heftigen Streit, für mich war klar, dass es
eine Änderung in meinem Leben geben musste, ich rang aber immer
noch damit, mein geliebtes Haus zu verlassen. Dennoch fand ich für
drei Tage und Nächte bei einem Bekannten Unterschlupf um nachzudenken.
Mir wurde klar, dass ich die Kinder nicht verlassen wollte, ich
sah aber auch ein, dass ich Sandra nicht aus dem Haus werfen konnte,
weil ich mit dem Job die Kinderbetreuung nicht alleine schaffen
konnte. Sandra und ich begaben uns zu einem Paartherapeuten, den
wir von früher her kannten. Beiden war uns klar, dass die Kinder
im Vordergrund stehen und von diesen ausgegangen wird. Die Kinder
äusserten den Wunsch, weiterhin in diesem Haus zu wohnen und
die gleiche Schule zu besuchen. Sandra drängte mich, das Haus
zu verlassen, der Therapeut stellte sich auf ihre Seite, ich war
am Ende meiner Kräfte, gab nach und zog in eine eigene Wohnung.
Weitere
Lösungsversuche
In meiner neuen Wohnung kam ich langsam zu mir. Ich hatte Luft und
Zeit zum Nachdenken. Was will ich eigentlich? Ich tat mir selber
Gutes, fand neue Freunde, mit einer ganz kleinen Anzahl konnte ich
über meine Situation Gespräche führen. Bisher standen
mir keine Freunde so nah, mit denen ich über dieses Tabuthema
hätte sprechen können, schon gar nicht am Arbeitsplatz.
Auch merkte ich, dass Frauen in Trennungssituationen ganz anders
miteinander sprechen können. Frauen sind diesbezüglich
kommunikativer, sind anders organisiert indem sie Tagesfreizeit
haben und so eher Freundinnen haben, mit denen sie sich über
heikle, intime Themen austauschen können. Unter Männern
kann ein so intimes Gespräch fast nicht stattfinden. Meine
Familie hatte von der wahren Situation keine Kenntnis, Sandras Familie
konnte sich langsam Eins und Eins zusammenzählen, wollte aber
die wahre Situation nicht wahr haben, bis ich ihnen die Bestätigung
gab, Sandra lebt eine Frauenbeziehung. Bis heute hat Sandra auch
gegenüber den Kindern die neue Liebesbeziehung nicht im Klartext
ausgesprochen, wohl lebt sie die Beziehung mit Venus offen, versteckt
und verheimlicht vor den Kindern nichts und gibt auf Fragen offen,
alters- und kindsgerechte Antworten. Für mich ist diese Situation
gegenüber den Kindern und Aussenstehenden nicht immer einfach.
Nach meinem Wegzug wurde mündlich mit dem Ehetherapeuten die
Kinderbetreuung und Finanzen festgelegt. Die Finanzen wurden mit
zwei Haushalten wirklich knapp, die Kinder waren sehr viel bei mir.
Schon bald merkte ich aber, dass es auch das nicht sein kann. Ich
wollte kein Zahl- und Hütevater sein. Wieso habe ich eigentlich
das Haus verlassen, Sandra wollte doch unbedingt die Veränderungen?
Sandra lebte eine intensive Liebesbeziehung. Manchmal kam es mir
vor, als ob sie in der Pubertät etwas verpasst hatte. Sie hatte
eine Teilzeitjob, sowie Haus, Garten und Tiere. Somit erstaunte
es nicht, dass schon nach kurzer Zeit Sandra am Ende ihrer Kräfte
war und nach neuen Lösungen gesucht werden musste. Sandra war
an dem Punkt angelangt, auch das von ihr so geliebte Haus zu verlassen
und fragte mich, ob ich Kinder, Haus und Tiere übernehmen würde.
Mein Herz jubelte vor Freude und sagte JA, mein Kopf aber sagte
NEIN. In verschiedenen Gesprächen konnten die offenen Fragen
geklärt werden, Hauptthema war jetzt die Kinderbetreuung mit
meinem 100% Job. Sandra hatte inzwischen ein soziales Netz auf-
und ausgebaut, es wurde ein Plan aufgestellt mit Hilfe von Nachbarn,
Freunden, Familie und Sandra. Nach einem Jahr zog ich wieder um.
Tapfer machten die Kinder mit, entwickelten sich prächtig,
indem sie Verantwortung übernahmen und auch in plötzlich
auftretenden Situationen nicht den Kopf verloren, ich konnte auf
sie zählen.
Anruf
des Eheschutzrichters - Scheidung?
Immer in einer sich anbahnenden Sackgass-Situation war ich nahe
dran, diesen Schritt zu tun. Jedesmal stellte sich aber mir wieder
die Frage, kann ein Richter die richtige Entscheidung für unsere
Kinder und Finanzen treffen, einer der unsere Situation über
all die Jahre nicht kannte? Müssten nicht viel mehr wir das
selber tun, wir haben das über Jahre selber getan, mit gutem
Erfolg. Da ich den Richter kannte, traute ich ihm nicht zu, zusätzlich
auch noch mit dem Tabuthema umzugehen und sowieso ein alleinerziehender
Vater in der heutigen Zeit mit 100% Job, wo doch Kindererziehung
immer noch Frauensache ist. So versuchte ich abermals mit Sandra
das Gespräch zu suchen, was jedesmal sehr schwierig war, da
es immer wieder zu gegenseitigen Verletzungen kam. Inzwischen haben
wir eine schriftliche Vereinbarung für Kinderbetreuung und
Finanzen treffen können. Es ist aufgeteilt, was aufzuteilen
ist, in ein paar Jahren wenn die Kinder ausgezogen sind, muss noch
eine Lösung für das Haus und die Pensionskassengelder
gefunden werden. Wir sind weder gerichtlich getrennt, noch geschieden.
Die
heutige Situation
Seit dreiviertel Jahren lebe ich mit den Kindern wieder im Haus.
Für mich war es nicht ein Zurückziehen, sondern ein Neubeginn.
Ganz langsam kann ich auch mit dem Tabuthema umgehen, mit immer
noch ausgewählten Drittpersonen darüber sprechen. Auch
habe ich mich mit dem Thema Lesben und Schwule auseinandergesetzt
und habe heute in meinem Bekanntenkreis auch solche Menschen, mit
denen ich immer wieder gute Gespräche habe. Dieser Neubeginn
fällt auch mit meiner Lebensmitte zusammen. Ich habe die zweite
Hälfte meines Lebens vor mir. Fragen wie, was wollte ich schon
immer noch machen, was habe ich noch nicht gemacht etc., finde ich
spannend. Zwar ist der Alltag sehr anstrengend, Grenzen zeichnen
sich mir auf, immer wieder sind Korrekturen notwendig, Notfallsituationen
in der Kinderbetreuung müssen immer wieder blitzschnell gelöst
werden. Dennoch möchte ich keinen Tag missen mit den Kindern
in Gemeinschaft zu leben, denn wie lange geht es noch, bis das erste
Kind zur Ausbildung von zu Hause auszieht und sich für mich
wieder ein neuer, spannender Lebensabschnitt auf tut?
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