|
Zur
Person
Anna, 60, Lehrerin und Therapeutin, drei erwachsene Söhne,
seit über 30 Jahren verheiratet, davon 17 Jahre zusammen und
seit gut 16 Jahren getrennt.
Der
Anfang
Wir lernten einander nach einem Chorkonzert kennen, verliebten uns
und hatten rasch das Gefühl zusammen zu gehören. Zwei
Jahre später, als wir uns verlobten, liessen wir das Datum
unserer ersten langen Begegnung, den 1. Advent, in die Ringe eingravieren.
Die
ersten Jahre der Ehe
Wir waren Studenten, lebten in einer frühen Form der WG, renovierten
unsere erste Wohnung und bekamen bald unser erstes Kind. Darüber
waren wir sehr glücklich und zugleich war es eine grosse Herausforderung.
Meine Dissertation war nicht fertig, wir hatten beide noch kein
Schlussexamen. Aber mit vollem Einsatz schafften wir unsere Abschlüsse,
begannen unsere berufliche Arbeit und im Abstand von je zwei Jahren
kamen zwei weitere Kinder. Mein Mann war abends oft lange im Labor.
Als es einmal wieder sehr spät wurde, machte ich mir grosse
Sorgen, es könnte einen Laborunfall gegeben haben. Ich nahm
ein Taxi und fuhr hin. Er war dort und arbeitete, und er war gar
nicht erfreut, dass ich kam, sondern zornig, und er sagte, ich solle
nie wieder mitten in der Nacht ins Labor kommen. Daran habe ich
mich gehalten. Wer hätte auch die drei kleinen Kinder hüten
sollen, wenn ich öfter nachschauen gegangen wäre? Sein
Beruf nahm ihn sehr in Anspruch, so war ich auch abends oft allein.
Aber wenn er da war, half er mir, wickelte die Kinder, brachte sie
mit Gutenachtgeschichten und Schlafliedern ins Bett. Ich pflegte
zu sagen, statt Rosen erhielte ich geputzte Kinderpopos von meinem
Mann geschenkt. Er war fast immer freundlich, so freundlich, dass
ich ihn oft und immer öfter gefragt habe: "Wer bist du wirklich?
Es kann doch nicht sein, dass du immer gleich gestimmt bist, immer
freundlich!" Auf solche Fragen bekam ich keine Antwort. Ich suchte
Offenheit, Vertrauen, wollte reden. Ich fragte, aber jedes Mal schienen
die Rollläden herunter zu rasseln. Ich zweifelte an mir selber,
fand mich unmöglich und undankbar. Unsere sexuelle Beziehung
war normal, anfangs stürmisch und intensiv, während der
Schwangerschaften entsprechend reduziert. Lange gestillt habe ich
nicht, so gingen wir bald auch wieder miteinander ins Bett. Mit
den Jahren wurde es etwas ruhiger, es gab Wochen, da fühlte
ich mich unbefriedigt. Aber es kam dann auch wieder anders. Mit
meinem heutigen Wissen und nach der Erfahrung mit anderen Männern
würde ich sagen, unsere sexuelle Beziehung hatte keine Chance
sich nach einem ganz normalen, heftig verliebten Anfang wirklich
weiter zu entwickeln, wir sprachen wohl darüber, aber nicht
besonders intensiv. Wir probierten nichts Neues, wir suchten nicht
und so wuchs die Partnerschaft nicht weiter. Wir hatten drei kleine
Kinder, da gerät in vielen Ehen die Sexualität eher an
den Rand. Und ich habe mir deshalb auch nichts besonderes dabei
gedacht.
Das
Coming out
Allerdings verliebte ich mich nach 11 Ehejahren kurz und heftig
in einen anderen Mann, wir schliefen auch miteinander und ich war
tief beeindruckt. Als ich von dieser Reise zurück kam, fragte
mein Mann mich noch am gleichen Abend, ob ich schon einmal mit einem
anderen Mann geschlafen hätte. Obwohl ich ein grosses Donnerwetter
befürchtete, erzählte ich, was geschehen war. Statt des
Donnerwetters sagte mein Mann dann, er müsse mir auch etwas
sagen. Er sei schwul, er habe vor und während unserer ganzen
Ehe immer Kontakte mit anderen Männern gehabt, immer nur kurz,
und das sei überhaupt keine Konkurrenz zu unserer Ehe. Aber
er brauche das. Ich war fassungslos, schwankte zwischen Abscheu
und Mitgefühl. Ich spürte, dass für ihn auch viel
Leid in diesem Doppelleben steckte, ich erlebte vielleicht zum ersten
Mal die Offenheit zwischen uns, die ich immer gesucht hatte. Zugleich
brach eine Welt zusammen. Mein Mann wollte noch in dieser Nacht
mit mir schlafen. Das war für mich unmöglich. Ich habe
auf dem Sofa geschlafen und am anderen Tag darauf bestanden, dass
wir getrennte Schlafzimmer hatten. Ich musste sozusagen meine ganze
Ehegeschichte neu verstehen, neu schreiben. Alles hatte plötzlich
noch eine zweite Bedeutung. Warum war er oft so spät nach Hause
gekommen? Warum war er nicht mit uns in die Ferien gefahren? Warum
hatte er so wenig von sich gesprochen?
Lösungsversuche
Als erstes suchte ich mir eine Freundin, mit der ich über diese
schreckliche Entdeckung sprechen konnte. Sie hat mir dann geholfen,
Ehetherapeuten zu finden, zu denen wir nachher etwa ein Jahr lang
gegangen sind. Es erscheint mir heute fast unglaublich, aber in
dieser Therapie ist trotz meiner wiederholten Hinweise, die Homosexualität
nie Thema geworden. Gearbeitet wurde immer nur mit meinem "Leiden"
an unserer Ehe. Da mein Mann meinte, er habe keine Probleme, ausser
dass ich so dominant und ungeduldig sei, blieb mein Verhalten immer
das Thema. Später habe viele psychotherapeutische Erfahrungen
gemacht, zuerst suchte ich Hilfe und dann habe ich selber therapeutische
Ausbildungen gemacht und somit auch eine Lehranalyse und viel Selbsterfahrung.
Es ist mir nie gelungen für meine Perspektive und meinen Schmerz
als Partnerin eines schwulen Mannes wirklich Einfühlung und
Hilfe zu finden. Wenn ich darüber sprach, stand immer zuerst
die Toleranz gegenüber den diskriminierten Schwulen im Mittelpunkt.
Tolerant gegenüber Homosexuellen und mitfühlend bin ich
auch. Also dagegen konnte und wollte ich doch nichts sagen. Und
schliesslich: Untreue Ehemänner, Verlassenwerden, Trennungsschmerz
.... das passiert so vielen Frauen und Männern, und es ist
immer schwer. Wohl wahr! Doch für die spezifischen Themen fand
ich kein Gehör: Was heisst es für mich als Frau, dass
ich einen schwulen Partner habe? Wie lebe ich damit, dass ich 15
Jahre lang hintergangen wurde? Mit welchen Vorurteilen von anderen
bin ich konfrontiert? Welche Selbstzweifel über meine eigene
Sexualität und mich selbst als Partnerin habe ich. Wie berechtigt
oder unberechtigt sind sie? Was heisst es, mit einem Tabuthema zu
leben? Bin ich intolerant, wenn ich seine Art Homosexualität
zu leben kritisiere? Wie, wann kann ich, muss ich mit meinen Kindern
darüber reden? Sechs Jahre, lang versuchten wir eine Lösung
zu finden, bei der wir die Familie zusammenhalten und doch jeder
ein eigenes erfülltes Intimleben führen konnten. Manchmal
schien es zu gelingen, dann wieder war ich verzweifelt. Mein Mann
hatte wenig Gefühl für meine Grenzen. Er wollte übergangslos
nach einer sexuellen Begegnung im Milieu mit mir schlafen. Ich musste
darauf bestehen, dass er in meiner Abwesenheit keine Männer
in unsere Wohnung brachte.
Die
Trennung
Dann verliebte er sich in eine Frau und zog aus. Zuerst wollte er
die beiden jüngeren Kinder mitnehmen in die neue Beziehung,
aber ich kämpfte darum, dass sie bei mir blieben. Er hatte
immer noch einen hundertfünfzigprozentigen Job, mein Leben
war mit einer Teilzeitarbeit so eingerichtet, dass ich genügend
Zeit für die Kinder hatte. Das sah er schliesslich ein, zumal
er wusste, dass er vor einem Richter keine Chance haben würde.
Ich musste nun drei heranwachsende Kinder (11,13 15), einen Beruf,
ein Haus mit Garten, die Finanzen etc. allein bewältigen. Das
war fast zuviel, aber ich schaffte es. Und in meinem Innern wusste
ich, dass diese Trennung richtig war. Die Beziehung zu der anderen
Frau hat dann nur ein paar Monate bestanden. Seither lebt er allein.
Ab und zu hat er sehr junge Partner, die er im Strichermilieu kennenlernt.
Mehr weiss ich über sein Sexualleben nicht und möchte
es auch nicht mehr wissen. Wir haben im Zusammenhang mit unseren
Kindern immer noch regelmässig Kontakt, Familienfeste werden
gemeinsam gefeiert. Die Finanzen sind gut geregelt, nach anfänglichen
Kämpfen habe ich gelernt klare Forderungen zu stellen und zu
begründen, und er hat sich darauf eingelassen und sowohl für
seine Kinder wie auch für mich regelmässig bezahlt. Aber
gerichtlich getrennt oder geschieden sind wir nicht. Ich habe mir
das oft überlegt, aber ich traute den Richtern nicht. Würden
sie ein hartes Urteil gegen meinen schwulen Partner fällen?
Ich fürchtete Intoleranz und allzu einseitige Schuldzuweisungen.
Würden sie die Regelungen, die wir getroffen hatten und die
sich bewährten, wieder in Frage stellen? Wie reden wir mit
den Kindern?
Homosexualität war vor 20 Jahren noch ein Tabu. Solange wir
noch zusammen lebten, wollte ich, dass mein Mann den Kindern von
sich erzählt. Mir schien, nur so könnten sie verstehen,
was er empfindet. Ich hätte immer nur aus meiner Perspektive
und meiner Verletztheit heraus sprechen können. Er versprach
auch, dass er mit ihnen reden wolle. Aber als ich eines Tages mit
meinem dann 16jährigen ältesten Sohn darüber sprach,
stellte ich fest, dass er keine Ahnung hatte. Und als einige Zeit
später eine Zeitung im Büro auflag, in der mein Mann von
seiner Arbeit für Schwulentagungen erzählte und mit Foto
und vollem Namen unterschrieben hatte, da stellte sich wieder heraus,
dass er auch mit den jüngeren Kindern nicht gesprochen hatte.
So erfuhren sie es alle zuerst von mir.
Die Ehe mit einem schwulen
Partner ist sozusagen mein Schicksal geworden. Ich habe die Welt
von einer Seite kennengelernt, von der ich vorher fast nichts wusste.
Zwar hat mein Mann über sein Leben als Schwuler nie viel erzählen
wollen. Aber ich habe Kontakt zu anderen schwulen und lesbischen
Paaren gesucht und so viel über ihr Leben und ihre Beziehungen
gelernt. Ich habe Freunde und Freundinnen unter ihnen gefunden,
sie zu uns eingeladen. So haben auch meine Kinder eine entspannte
Beziehung zu homosexuellen Menschen. Von ihrem Vater haben sie nicht
viel darüber erfahren.
Die
Selbsthilfegruppe
Zwanzig Jahre lang bin ich mit meiner Geschichte mehr oder weniger
allein geblieben. Dann suchte ich endlich aktiv nach anderen betroffenen
Frauen. Ich erzählte in meinem Umfeld, dass ich suche und eine
Freundin wies mich auf ein Inserat für die Selbsthilfegruppe
in Uster hin, die Ende 1999 gegründet wurde. So traf ich zum
erstem Mal andere betroffene Frauen und hörte, dass es ihnen
sehr ähnlich ergangen ist wie mir. Das ist eine grosse Erleichterung.
|