Thema: 50% Heteros in der schwulen Szene
Thema: Der
Schock des Coming Out
Kapitelüberschriften:
Thema: Die
verletzte weibliche Identität
Kapitelüberschriften:
Thema: Mit
den Kindern reden?
Kapitelüberschriften:
Thema: Leben
mit einem Tabu
Kapitelüberschriften:
Thema: Trennen
oder zusammen bleiben
Kapitelüberschriften:
Thema: Ist er schwul
oder ist er's nicht?
Thema: 50% Heteros in der schwulen Szene
1. Mai 2009
Die Hälfte der Männer in der schwulen Szene hat zu Hause eine Frau.
Eine völlig absurde Behauptung?
Jedenfalls glaubt das kaum jemand. - Ausser den Schwulen selbst.
Jeder Kenner der Szene bestätigt, dass dort sehr, sehr viele Männer unterwegs sind,
die eine Partnerin haben und meistens auch mit ihr verheiratet sind. Sie haben kleine Kinder,
Teenager, erwachsene Söhne und Töchter und wollen das anscheinend alles vergessen.
Eine Untersuchung der Gesundheitsbehörde in New York
Es ist schon drei Jahre her, da kamen am gleichen Tag zwei Emails zu diesem Thema bei mir an.
Beide bezogen sich auf denselben Artikel, der in der New York Times erschienen war.
Das NY Dep. of Health and Mental Hygiene hatte das sexuelle Verhalten von 4000 Männern
untersucht und herausgefunden, dass 10 % der Männer, die sich selbst als heterosexuell
bezeichnet hatten, angaben, innerhalb des vergangenen Jahres Sex mit mindestens einem
gleichgeschlechtlichen Partner gehabt zu haben. 70% dieser Männer waren verheiratet.
Und die grosse Mehrheit von ihnen hatte kein Kondom benutzt. *
Am gleichen Tag schrieb ein schwuler Mann aus Basel: "Stellt euch vor, die Hälfte der
Männer in der Szene sind Heteros." Für einen Schwulen, der nicht nur den schnellen Sex,
sondern einen Partner sucht, ist das erschreckend. Die Gefahr ist gross, dass er an einen Mann gerät,
der eine Familie hat, den er also kaum je für sich allein haben kann.
Ein Beispiel
In einem Mail aus jüngster Zeit sieht das dann so aus:
"Hallo, Ich bin der Hans und lebe in einer Beziehung zu einem verheirateten Mann.
Wir versuchen offen und ehrlich damit umzugehen auch seiner Frau gegenüber. Also sie weiß
Bescheid und das schon seit 1,5 Jahren, gleich nachdem wir uns kennen gelernt haben.
Aber es ist ein schwieriges Unterfangen, wenn man versucht die Gratwanderung offen und ehrlich zu vollziehen.
Ich und sie leiden oftmals drunter, ihn teilen zu müssen, und er darunter gleich 2 Erwartungen befriedigen zu müssen.
Ja, sie verkehren auch noch sexuell zusammen, was jedoch mich weniger tangiert als sie.
Nun fragte mich seine Frau, ob ich nicht wüsste wie sie mit Frauen in ähnlicher Situation in
Kontakt kommen kann und ich stiess auf eure Seite hier im Net. Für mich als allein stehenden und
weltoffeneren ist es leichter damit umzugehen und mir Informationen zu besorgen. Für sie schwieriger...die Kinder
könnten ja im Net nachvollziehen, wo sie surfen war...
Meine Frage ist nun...habt ihr in der nächsten Zeit ein Treffen von betroffenen Frauen? Es dürften ja nicht
wenige sein, was ich in schwulen Seiten so mitbekomme....da wimmelt es ja nur so von verheirateten Männern...grins.
Lieben Gruß Hans"
Dieser "Hans" erwies sich als besorgter und freundlicher Mensch. Aber die Ehefrau seines Partners hat sich
bisher nicht gemeldet. Das Tabu, die Angst von den eigenen Kindern oder von anderen entdeckt zu werden, ist zu gross.
Alle Beteiligten haben schweigen. Deshalb haben wir Partnerinnen schwuler Männer vor 9 Jahren hetera.ch gegründet.
Wir wollen den betroffenen Frauen eine Stimme geben.
Verheiratete Männer in der schwulen Szene
Die schwule Szene würde ich grob in drei Bereiche einteilen: den Männerstrich, auf dem sich offenbar vor
allem junge, ausländische oft illegale Männer ihr Geld verdienen, den anonymen Sex in Saunas, Parks, Darkrooms,
auf Parkplätzen etc. auf dem Männer einander gegenseitig, schnell und zumeist unerkannt befriedigen und die - wie
soll ich sie nennen - echte Schwulenszene, wo Männer eine Beziehung suchen, Sex, Liebe, längerfristige Freundschaft.
Wie der oben zitierte Hans.
Und dazu kommt die gleiche Palette noch einmal per Internet, SMS, ....
Sind das alles Menschen, die ihre Homosexualität unterdrücken mussten oder erst spät entdeckten? Sind das die
Männer, die heirateten, weil unsere Gesellschaft zu wenig tolerant ist, weil Mütter und Väter es nicht geduldet hätten,
wenn der Sohn sich als schwul geoutet hätte, die ohne Ehe keine Karriere hätten machen können und die sofort ihren Job,
ihre Firma, ihre Kunden verlieren würden, wenn bekannt würde, dass sie schwulen Sex bevorzugen? Hat sich in unserer
Gesellschaft nichts verändert?
Eine neue Doppelmoral?
Es gibt auch ganz andere Vermutungen: Es scheint heute chic zu sein, "es" auch mit einem Mann zu machen.
So wie ein richtiger Mann in gesicherter bürgerlicher Position sich im 19. und 20.Jahrhundert kaum mit einer
einzigen Ehefrau zufrieden gegeben hätte, sondern sich auch noch eine Geliebte und regelmässige Besuche im Bordell
leistete, so ist wohl in unserer Zeit cool sich auch in der schwulen Szene umzusehen. Es hiess dann schon immer,
der Mann „brauche“ die Abwechselung. Er sei eben ein Jäger etc. Braucht er auch das Tabuisierte, Verbotene, Riskante?
Konkret das Risiko sich und seine Partnerin mit dem HIVirus zu infizieren? Ist das die neue Variante der bürgerlichen
Doppelmoral?
Die konsequent schwul lebenden Homosexuellen sprechen davon, dass sie ihre schwule Identität lange verstecken mussten,
weil Familie und Gesellschaft sie dazu gezwungen haben. Dem Coming Out ging oft eine schwere Identitätskrise voraus,
und es war ein hartes Stück seelischer Arbeit zu sich selbst, seiner schwulen Identität zu finden und sich dazu zu bekennen.
Diese in der Tat schwierigen Prozesse scheinen mir bei vielen verheirateten Männern, die gleichgeschlechtlichen Sex
suchen, keine Rolle zu spielen. Es geht ihnen nicht um ihre Identität, sie sind nicht an der Ergründung der eigenen
Persönlichkeit interessiert. Da wird kein wahres Ich gesucht und befreit. Der anonyme Sex ist eher ein heisses Spiel,
das Ich scheint langweilig geworden zu sein. Sind hormonelle Defizite im mittleren Alter ein Grund für den Frust?
Braucht man den stärkeren Kick? Erhöht das Tabu den Reiz?
Das gilt wohl ganz besonders für die Kontakte via Internet. Gayromeo, gaynet, purplemoon, boysworld...sind Portale,
auf denen man jederzeit Chats und Bilder abrufen oder direkte Kontakte knüpfen kann. Die ehrlicheren Männer nennen
sich dort "bisexuell", was immerhin andeutet, dass sie nicht nur schwul sind. Aber diese Bezeichnung ist selten und
sie scheint wieder aus der Mode zu kommen. Sie zieht offenbar niemanden an. Angezogen werden dagegen junge Männer
aus aller Welt, die das schnelle Geld suchen. Manche Geschichten lesen sich wie ein schlimmer Scherz des Lebens.
Auf dem Handy ihres Partners findet die Ehefrau und Mutter der Kinder zahlreiche SMS von Liebhabern, in den
Anzugtaschen Flugtickets, Rechnungen von Hotels, Quittungen von teuren Essen, und auf dem gemeinsamen Konto grosse
&Uml;berweisungen, an den angeblich von der Polizei verfolgten jungen Mann in einem muslimischen Land.
Die Phantasie reicht nicht aus um sich das alles auszudenken.
Besteht die Doppelmoral auch darin, dass hier ein angeblich so diskriminierter Teil der männlichen Lebenswelt
hinter jeder Ecke zu haben ist? Im Internet braucht man wenige Mausklicks und schon hat man den passenden
Partner ganz in der Nähe gefunden. D.h. die Nähe sucht man hier gar nicht. Man hört, dass die Basler Männer nach
Zürich fahren und die Zürcher nach Basel. Das genügt anscheinend schon um die Anonymität zu wahren.
Das Tabu wirkt sich zu Lasten der Frau aus
Wenn die Ehefrauen dann dahinter kommen, verstecken sich nicht wenige Männer hinter dem Label "schwul".
Sie wissen, dass sie dann mit dem Mitgefühl ihrer Partnerinnen rechnen dürfen. Wer kann schon einen Mann anklagen,
der endlich seine verborgene Neigung ausprobieren möchte! Und oft kommt unter Tränen das Geständnis, ja,
man habe es endlich wissen müssen, man habe endlich jemanden gesucht, mit dem man reden konnte, aber es habe
ganz sicher keinen Sex gegeben, nur ein wenig Schmusen und lange Diskussionen. Die Partnerin will das nur zu gerne
glauben, denn sie möchte ihre Beziehung und ihre Familie retten. Aber es dauert nicht lange, bis sie herausfindet,
dass alles nur "fromme" Lügen sind. Der sexuelle Kontakt war das erste und wichtigste, was passierte,
Gespräche gibt es wenn überhaupt nur danach. Dem schwulen Freund hat der Ehemann nicht erzählt, dass er eine
Frau und Kinder hat. Der ist unter Umständen genau so betrogen wie die Partnerin.
Für sie ist die Entdeckung des schwulen Doppellebens bzw. das folgende Coming Out oft ein schwerer Schock.
Sie hat das Gefühl mit niemandem sprechen zu dürfen. Sie muss helfen, die schwulen Neigungen ihres Partners zu
verheimlichen, denn die Kinder dürfen nichts wissen, die Familie, die Kollegen am Arbeitsplatz ... So jedenfalls
verlangt es der Partner. Hier ist das Tabu voll wirksam.
Wenn die Geschichte dann weiter geht, und das geschieht fast immer, wird sie zur Vertuscherin, Geheimnisträgerin.
Sie muss Ausreden erfinden wie die Partnerin eines Alkoholikers. Und sie bleibt meistens völlig allein mit dieser
Situation. Viele Frauen fragen sich, warum sie das alles nicht früher bemerkt haben und stellen sowohl ihre
Ehe- und Liebesgeschichte wie die eigene Sexualität in Frage. Das führt viele in einen lange anhaltenden
Schockzustand und eine schwere Krise.
Auch die Männer sehen sich als Opfer
Die Überzeugung unserer angeblich aufgeklärten Gesellschaft, dass man entweder homo- oder heterosexuell sei,
dass dieses zur Identität eines Menschen gehöre und der Mann "nichts dafür könne", wird oft auch zu einer
Belastung der Männer. Sie glauben häufig, dass sie ihre neu entdeckten schwulen Neigungen auf keinen Fall
unterdrücken dürften, weil sie sonst schweren seelischen Schaden nehmen könnten. Sie sehen sich selbst als
Opfer der eigenen Sexualität und der Gesellschaft.
Aber stimmt die Vorstellung, dass Hetero- oder Homosexualität immer ein Entweder-Oder seien? Nach meiner
Erfahrung ist das eine Simplifizierung, die nur Schaden anrichtet. Es gibt so viele Übergänge, so viele Mischformen.
Auch wer schwule Neigungen verspürt, muss sie nicht zwingend ausleben und dabei seine Familie aufs Spiel setzen.
Und er muss schon gar nicht Versteck spielen oder gar ein Doppelleben führen. Nicht die sexuelle Neigung ist das
Problem, sondern der verantwortungsvolle Umgang mit ihr und mit den Beziehungen, in denen man lebt.
Ein realistischeres Bild der Schwulen wäre nötig
Wir müssen, so scheint mir, ein realistischeres Bild des schwulen Lebens finden. Wenn jemand sagt: "Ich bin schwul",
was bedeutet das eigentlich? Weder stimmt das hedonistische Bild, das an Christopher Street Paraden oder in der
Presse gerne gezeigt wird. Es gibt so viele ganz bürgerlich und unauffällig lebende Schwule und Lesben und das ist
auch gut so. Die Zeiten der Provokation könnten doch langsam vorbei sein. Das geile Image macht es auch vielen
jungen Schwulen schwer ihre Identität zu finden und sich zu ihr zu bekennen.
dass die hier vertretene Haltung klassisch moralisch ist und vielleicht als erhobener Zeigefinder empfunden wird,
ist mein Echo auf die vielen traurigen Geschichten, die ich durch die Arbeit für hetera kennen gelernt habe.
Gerade steht die Europride vor der Tür. Alle Menschen guten Willens sind herzlich willkommen. Und viel Spass.
--------------------------
* Die amerikanische Schwesterorgsanisation Straight Spouse Network (siehe SSN.org) wies am 19. September 2006
in der NY Times auf eine Studie des "NY Dept. of Health and Mental Hygiene" vom 10. Sept. 2006 hin. Darin hiess es:
"Almost 10% of men who said they were straight had had sex with at least one man during the last twelve months,
according to a new study carried out by the New York City
Department of Health and Mental Hygiene. 70% of them were married. Many
of these men said they had not used a condom and had not been tested for
HIV. In fact, the researchers found that straight men who had had sex with
another man during the previous year were less likely to use a condom
than gay men who had had sex with another man during the previous year."
Zurück
zu den Themen
Thema: Der
Schock des Coming Out
Luna. ....Mit
25 zogen wir zusammen. Erst nach vielen Auslandreisen heirateten
wir, 31-jährig, und ich wurde dann auch sehr bald schwanger.
Als wir das Kinderzimmer einrichteten, erwähnte mein Mann erstmals,
er habe manchmal das Gefühl eine kleine Neigung zur Homosexualität
zu haben. Doch wenn er genauer nachdenke, so sei er auch nach 13
Jahren noch in mich verliebt und er freue sich auch riesig auf das
Kind. Zwei Wochen vor der Geburt hatten wir Besuch aus D: ein junger
homosexueller Mann, den Martin im Chat kennen gelernt hatte. Dieser
Besuch veränderte unser Leben, denn Martin verliebte sich in
ihn. Er wusste nicht mehr, was in ihm vorging, und er wollte mich
nicht verletzen, schon gar nicht so kurz vor dem Geburtstermin.
Er ass nicht mehr viel und wich mir aus, wann immer er konnte. Ich
bemerkte sein Anderssein, doch ich schrieb es dem Stress im Job
und der Nervosität vor der Geburt zu. Unsere Tochter kam dann
zur Welt und mein Mann nahm sich eine Woche frei um mir einen raschen
Spitalaustritt zu ermöglichen. Obschon alles gut gegangen war
und wir eigentlich überglücklich hätten sein sollen,
verhielt sich Martin noch immer sehr zurückgezogen. Er vertiefte
sich in die Haushaltsarbeit und wich meinen Blicken aus. Sechs Tage
nach der Geburt fragte ich ihn dann, was mit ihm los sei. Er sagte,
dass etwas Schreckliches geschehen sei. Ich wusste sofort Bescheid:
er hatte sich in den Mann aus D verliebt.
Mirjam. ....Zwei
Jahre nach dem Kennenlernen zog er bei mir ein und wir heirateten
1983. Ich war so glücklich, dass ich manchmal Angst hatte,
es könne nicht immer so bleiben. Meine Angst bewahrheitete
sich leider viel zu schnell! An Silvester 84 musste mein Mann ins
Spital, wegen einer Darmfistel. Ich besuchte ihn und er meinte,
ich solle mich doch mal hinsetzen, er müsse mir etwas Wichtiges
beichten. So erfuhr ich, dass er schon seit Jahren sexuelle Kontakte
zu Männern hatte und immer noch habe. Dabei wurde er mit Syphilis
angesteckt. Nun müsse auch ich zur Kontrolle zum Hautarzt,
weil ich wohl auch infiziert worden sei. Ich spürte, wie meine
Welt sich zu drehen begann, wie mir der Boden unter den Füssen
weggezogen wurde und ich die sechs Stockwerke des Spitals hinunterfiel.
Wie von Sinnen rannte ich nach draussen. Was war geschehen? Mein
geliebter Mann hatte mich immer mit Männern betrogen! Was bin
ich denn? Bin ich nun krank? Unter Schock ging ich zum meinem kleinen,
neunmonatigen Sohn, der bei meiner Mutter war. Ich wollte schreien,
stampfen, weinen, fluchen, doch mir wurde sofort klar, dass ich
mit diesem Wissen allein leben musste. Da man ja nicht über
schwule Ehemänner reden konnte. Zu Hause liess ich meinen Gefühlen
freien Lauf und weinte mich aus. Am nächsten Tag musste ich
einfach ein Kleid anziehen, um mir zu beweisen, dass ich eine Frau
bin, und es war mir klar, dass jetzt ein anderes Leben beginnen
würde.
Oft kommt es ganz
überraschend.
Nicht selten kommt das Geständnis:"Ich
bin schwul, ich habe Sex mit Männern, ich habe einen Freund"
ganz plötzlich und nach sehr langer Ehe. Die Männer scheinen
ein perfektes Doppelleben geführt zu haben, weil sie Angst
hatten, weil sie verdrängt haben, weil sie sich selbst etwas
vorgemacht haben und ganz selten auch aus Zynismus. Dass verheiratete
Männer schwul sein könnten, wird in unserer Gesellschaft
weitgehend ignoriert, es ist ein Tabu. Auch unter Homosexuellen
stehen Verheiratete nur als halbe Schwule da und werden an den Rand
gedrängt. Die Gründe der Männer sind hier nicht unser
Thema, sondern die Frage: Warum ist das für die Frauen so schockierend?
Was für ihn
eine Befreiung ist, bedeutet für sie Verstecken und Gefangensein.
Der Partner ringt sich nach einem
oft monate- oder jahrelangen inneren Kampf dazu durch, die Wahrheit
über seine Empfindungen zu sagen. Oder, viel häufiger,
er wird nach einer langen Zeit des Versteckens endlich entdeckt.
Das ist für ihn zunächst eine grosse Befreiung. Manchmal
brechen alle Dämme des Schweigens, denn er ist glücklich
seiner Frau endlich alles erzählen zu können.
Die ganze Wucht des Tabus trifft nun sie. Die Gesellschaft denkt
auch heute noch: Homosexuelle haben nichts mit Frauen! Das können
ja nur Frauen mit einem sehr schwachen Selbstwertgefühl sein,
denen das passiert. Sicher sind sie unattraktiv, passiv und irgendwie
männlich. Wahrscheinlich sind sie selber irgendwie lesbisch
oder frigid.
Die Partnerin fühlt sich stigmatisiert und isoliert. Mit wem
kann sie reden? Wem kann sie sich anvertrauen? Was wird die eigene
Familie über sie sagen? Was wird man in der Nachbarschaft,
am Arbeitsplatz über sie denken oder reden? Wie soll sie es
den Kindern sagen?
Frauen werden in
ein Thema hineingezogen, das bis dahin weit weg schien.
Auf einmal sehen sich viele Frauen
mit einem Thema konfrontiert, das immer nur die anderen etwas anging,
das sie oft sogar weit von sich gewiesen haben. Auch ihre Partner
redeten häufig negativ über Schwule. Und nun müssen
die Frauen begreifen, dass sie selber mitten drin stehen. Sie haben
keine Sprache dafür, ihre Wertvorstellungen stimmen nicht mehr.
Das ist eine grosse Herausforderung, oft eine starke Überforderung.
Sie brauchen Hilfe. Sie müssen sich informieren können,
eine Sprache muss gefunden werden, Werte müssen neu definiert
werden.
Sie werden "zwangsgereift", wie ich manchmal sage. Diejenigen,
die diese neue Herausforderung mit der Zeit annehmen können,
lernen sehr viel Neues über sich und das Leben. Das kann ja
nur gut sein, denkt man. Aber es entfernt sie auch von ihren gewohnten
Beziehungen. Sie wissen mehr, denken anders als ihre Freundinnen,
als die Familie ... Das kann sehr einsam machen. Und die vielen
Frauen, die überfordert sind, werden noch einsamer.
Probleme des Partners machen
es schwer an sich selbst zu denken.
Auch der schwule Partner ist sich
über seine eigenen Gefühle sehr oft nicht im Klaren. Er
hofft nicht selten, dass er sich durch die Ehe aus dem Dilemma,
anders zu sein, "unnormal", hin und her gerissen zwischen
den Welten, befreien kann. Viele schwule Ehemänner lehnen Homosexualität
ausdrücklich ab, wollen mit Schwulen nichts zu tun haben, ja
finden es ekelhaft und unmoralisch.
Das bringt auch sie selbst in eine schwierige Lage, und es ist nicht
erstaunlich, dass recht viele Männer daran sehr leiden, depressiv
werden, zuviel Alkohol trinken und auch gewalttätig werden.
Nicht selten sind sie suizidal und müssen in psychiatrische
Behandlung. (Es ist hier nicht der Ort genauer darauf einzugehen.)
Die Frauen spüren das Leiden ihres Partners, haben Mitleid
mit ihm und sind bereit, sein Problem grösser zu sehen als
das eigene. So wirken sie auch für andere manchmal wie Mütter,
die neben den realen Kindern auch noch den Partner wie ein krankes
Kind behandeln.
Man kann sie am besten mit Co-Alkoholikerinnen vergleichen. Sie
möchten den Mann, den sie lieben oder wenigstens geliebt haben,
nicht "schlecht" machen. Sie tun alles, um ihn und die
Familie zu stabilisieren, sie helfen mit, nach aussen ein intaktes
Familienbild zu bewahren, und sie nehmen alle Schuld auf sich. Die
eigenen Gefühle, Wut, Schmerz, Trauer etc. werden zurück
gestellt.
Die Frauen haben
selber massive Probleme.
Wie gross und anhaltend der Schock
wirkt, hängt offenbar direkt damit zusammen, wie lange der
Partner seine schwule Seite verheimlicht hat, bzw. wie offen und
reif er selber damit umgehen kann. Wenn er bald ehrlich auf die
Fragen seiner Partnerin eingeht oder sich gar von sich aus früh
outet, kann sie auch rasch und klar reagieren. Die in der Einleitung
angedeutete Geschichte von "Luna" geht so weiter, dass
sie sich bald eine Selbsthilfegruppe sucht, dass sie für sich
und ihre kleine Tochter klare Entscheidungen trifft, eine "gute"
Trennung einleiten kann und bald wieder einen neuen Partner findet.
Wenn aber ein langes Doppelleben geführt wird, wenn nach dem
Coming Out keine Offenheit gefunden werden kann etc., dann kann
nach meiner Beobachtung die Verarbeitung des Schocks jahrelang dauern.
Die Frauen erzählen von starken Beschwerden. Ein häufiges
Problem scheint ein verstärktes prämenstruelles Syndrom
zu sein: Sehr starke Monatsblutungen, Spannungen in der Brust und
Krämpfe. Aber auch allgemeine Verkrampfungen, Lähmungserscheinungen,
Zähneknirschen, Warzen, Appetitlosigkeit, Atembeschwerden bis
zum Asthma, Niedergeschlagenheit bis hin zur Depression und Erschöpfung
können die Folge sein. Die Angst vor Aids, evtl. auch schon
eine Ansteckung mit dem Hi-Virus, Syphilis oder Hepatithis B begleiten
die Frauen, solange die Ehe weiter besteht.
Es soll hier nicht spekuliert werden, denn es gibt keine Forschungen.
Aber die Berichte sind auch so sehr plausibel.
Viele Frauen tun lange
nichts.
Oft wundern wir uns darüber,
dass betroffene Frauen so duldsam sind, so lange aushalten, so wenig
Initiative ergreifen. Aussenstehende sagen auch häufig: wieso
verteidigen die Frauen ihre Männer so sehr? Warum denken sie
immer zuerst an ihre Partner und so wenig an sich selber?
Sie schützen sich nicht vor Ansteckung, obwohl sie wissen müssen,
dass ihre Männer viele wechselnde Sexualkontakte haben. Sie
fragen nicht genauer nach. Sie reden nicht mit Dritten, sie schlucken
Tabletten ... Sie nehmen das Wort "schwul" nicht in den
Mund. Sie trauen ihrer eigenen Wahrnehmung nicht mehr, denn "es
kann ja gar nicht sein".
Der Begriff "bisexuell" scheint hier eine Hilfe anzubieten.
Man kann denken: "Dann ist er wenigstens bisexuell, unsere
Beziehung hatte doch einen eigenen Boden. Aber nach meiner Erfahrung
trägt der Begriff zur Lähmung eher noch bei. Denn wie
soll frau nun darauf reagieren? Sie selber ist nicht bi, das weiss
sie. Muss sie nun eine Ehe zu dritt führen, damit er seine
Neigungen leben kann? Das widerspricht meistens vollkommen ihrer
Vorstellung von Ehe und Familie. Und niemand kann verlangen, dass
sie diese von einem Tag auf den anderen ändern müsse.
Es hängt so vieles zusammen: es geht um den Mann, den sie liebt.
Das ist immer noch gültig. Es geht um den Vater ihrer Kinder.
Es geht um den Partner, mit dem sie ihr Leben eingerichtet hat:
Haus, Garten, ein gemeinsames Geschäft vielleicht.
Und: eigentlich ist sie ein toleranter Mensch. Das gehört zu
ihren verinnerlichten Normen. Ich nenne das die Toleranzfalle, denn
sie läuft in diesen doppelten Botschaften wie ein Hamster im
Laufrad immer im Kreis.
Es sind die
Symptome eines psychischen Schocks.
Schock lässt sich definieren
als "Reaktion auf einen plötzlichen, massiven Eingriff
in das körperliche oder seelische Gleichgewicht. Seelisch ausgelöste
Schockzustände treten auf, wenn Menschen durch ein plötzlich
auftretendes Ereignis seelisch überfordert werden. Auslöser
kann unter anderem der unerwartete Verlust einer Beziehung sein,
die mit einem Abhängigkeitsgefühl verknüpft ist.
Neben körperlichen Symptomen wie Schwitzen, Schlaflosigkeit,
Herzrasen oder einem Kollaps treten auch psychische Reaktionen auf.
Oft leugnen die Betroffenen zunächst das volle Ausmass der
Katastrophe. (Das kann doch nicht wahr sein!) Die Betroffenen fühlen
sich unbeweglich, wie erstarrt, sie glauben nicht, was geschehen
ist, ihr Zeiterleben ist verändert, sie haben das Gefühl,
nicht mehr sie selbst zu sein. Der Schockphase folgen dann die Einwirkungsphase
und die Erholungsphase, in denen der volle Umfang der seelischen
Verletzungen allmählich erkannt und, wenn möglich, verarbeitet
wird." (Brockhaus Psychologie)
Dass Frauen oft lange keinen Ausweg finden, hängt einerseits
von der Tiefe dieses Schocks ab. Je länger die Untreue und
Unehrlichkeit des Partners gedauert haben, je abhängiger eine
Frau war oder ist, je mehr Kinder sie hat, je mehr sie materiell
eingebunden ist, desto tiefer geht der Schock. Zudem gibt es keinen
Halt in den gängigen Normen und Modellen der Gesellschaft.
Wenn sie niemanden kennt, der das auch schon passiert ist, und niemanden
hat, mit dem sie reden kann, dann findet sie weder Denkmöglichkeiten
noch Modelle, wie ihr Leben weitergehen könnte. Die Grenzen
des Fassbaren werden gesprengt. Eine lange Phase der Entscheidungsunfähigkeit,
des Aushaltens, Funktionierens kann folgen. Nicht selten greift
die Frau zu Medikamenten oder Alkohol, und es besteht die Gefahr,
dass sie davon abhängig wird.
Folma Hoesch
Zurück
zu den Themen
Thema: Die
verletzte weibliche Identität
Geschichten
An den Begegnungstagen haben wir
mehr als vierzig Frauen persönlich kennen gelernt. Sie sind
so verschieden, wie es nur sein kann, ganz unterschiedlich alt,
schlank oder mollig, gross, klein, schüchtern, mutig .... Und
dann sagt eine Frau plötzlich: "Ja, es ist ja auch kein
Wunder, dass er sich in mich verliebt hat, ich bin ja so mager,
ich habe fast einen Körper wie ein Knabe." Oder eine sagt:
"Ich war schon immer stark, vielleicht bin ich hart - das hat
er sicher gebraucht, Schwule sind ja so ....." Eine Frau, sie
war Mannequin und hat noch mit über 50 Jahren eine wunderbare
Figur, erzählt, ihr Mann habe ihr in der Hochzeitsnacht gesagt,
er könne nicht mit ihr schlafen, ihr Arsch sei zu dick.
Warum machen sich die Frauen überhaupt solche Gedanken? Sie
brauchen sich den Schuh ja nicht anzuziehen. Sie versuchen sich
etwas zu erklären, was sie nicht erklären können.
Und sie greifen dabei zu den Klischees, die in unserer Gesellschaft
verbreitet werden.
Die verlorene
Ganzheit
In der Liebe möchte jede Frau,
jeder Mann so angenommen werden, wie er/sie ist. Dass das möglich
zu sein scheint, ist gerade eines der Wunder der Liebe.
Und alle Menschen haben grundsätzlich ein ganzheitliches Selbstkonzept.
Sie möchten sich als ganze Menschen zeigen und als ganze Menschen
wahrgenommen werden. Da soll nichts versteckt sein, sie wollen nicht
lügen oder ein Doppelleben führen. Das gilt mit den Abstufungen
des Privaten und Intimen auch nach aussen. Ein Bild: Ich sehe den
Menschen wie ein Haus mit vielen Zimmern, Dachboden und Keller.
Natürlich führt man seine Gäste nicht immer überall
hin. Aber im Prinzip soll das Haus offen sein, in allen Zimmern
möchte man Licht machen können und zeigen dürfen,
was darin ist. Den nahen Menschen zeigt man mehr, Aussenstehenden
nur das Entrée und das Wohnzimmer.
Nach dem Coming-Out ihres Partners muss die Frau sehen, dass sie
nur die halbe Welt ihres Mannes kannte, dass es einen Teil gibt,
der ihr ganz fremd ist. Sein Haus hat Zimmer, die sie nie betreten
durfte, von denen sie nicht einmal etwas ahnte.
Und ebenso plötzlich soll sie mithelfen, diesen Teil zu verstecken.
Sie hat auf einmal Angst davor, in allen Zimmern Licht zu machen,
denn es könnte sein, dass auch ein Unbefugter hereinsieht.
Auch sie muss nun ihre Welt einteilen: das eine kann ich allen erzählen,
das andere nicht. Es gibt von nun an ein Tabuthema in ihrem Leben.
Wenn sie darüber spricht, kann sie nie vorhersehen, wie ihre
Gesprächspartner reagieren werden. Es ist oft ein langer Weg,
aus dieser Gespaltenheit wieder in eine neue Ganzheit zu finden.
Alles
ist in Frage gestellt.
Ob jemand eine Frau ist oder ein
Mann, ob sie/er das andere Geschlecht liebt oder das eigene, die
sexuelle Orientierung ist eine der Grundfesten der Persönlichkeit.
Eine heterosexuelle Frau geht davon aus, dass ihr Partner ebenfalls
heterosexuell ist, meistens ohne dass sie sich dabei viel denkt
oder gar Fragen stellt. Nun ist auf einen Schlag alles gestört,
nicht nur die Ehe bzw. Partnerschaft, auch das eigene Selbst, die
eigene Geschlechterrolle, die Beziehungsfähigkeit und das ganze
eigene Leben. Die Frauen sagen: "Es war, als würde mir
der Boden unter den Füssen weggezogen."
Ist das nicht in heterosexuellen Beziehungen ebenso, wenn einer
fremd geht? Vieles ist vergleichbar. Fast alle Frauen sind erschüttert,
wenn ihre Ehe zerbricht. Aber hier scheint die Erschütterung
besonders stark und anhaltend zu sein. Eine Frau sagt es sehr klar:
"Ich bin seit 13 Jahren verheiratet, wir haben 2 Kinder. Vor
einem dreiviertel Jahr hat mir mein Mann erzählt, dass er schwul
ist. Ich habe mich gefühlt, wie vom Blitz getroffen. Mittlerweile
ist der erste Schock in eine abgrundtiefe Verzweiflung übergegangen.
Ich hatte wirklich absolut keine Ahnung. Auch jetzt fühle ich
mich wie in einem bösen Traum, aus dem ich nicht aufwachen
kann."
Wie war es möglich,
dass ich nichts gemerkt habe?
Wenn die erste Phase der totalen
Verliebtheit vorbei ist und die Partnerschaft in eine reifere Phase
eingetreten ist, rechnet manche kluge Frau damit, dass ihr Partner
vielleicht einmal ein Geheimnis hat, sie kann sich vorstellen, dass
er einmal fremd geht, sie weiss, dass der Beruf viel fordert, und
sie versteht, dass der Mann nicht immer zu Zärtlichkeiten aufgelegt
ist. Es gibt so viele Gründe, warum Distanz entsteht, vielleicht
eine gewisse Fremdheit. Die Frau findet tausend Erklärungen,
warum der Partner sich verändert hat, und sie will ihn nicht
mit zu hohen Ansprüchen überfordern.
Ein Mann, der ein Doppelleben führt, baut einen Bereich des
Schweigens um sich herum auf. Er organisiert das perfekt: Überstunden,
Mittagspausen, Weiterbildungen am Wochenende, Sportklubs etc. Und
seine Frau gönnt ihm das alles gerne, sie hat Mitleid mit ihm,
weil er soviel arbeiten muss, und will ihn nicht auch noch mit Fragen
stressen. So entsteht ein Bereich, über den nicht geredet wird.
Ein dunkles Zimmer im Haus.
Eine andere Form des Schweigens ist, dass der Mann besonders nett
und aufmerksam ist: Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft bei der Pflege
der Kinder und im Haus, Verständnis und Einfühlung im
Bett. Er vermeidet jede Art von Konflikten, weil Streit unkontrollierbar
ist. Es könnte sein, dass dann alles heraus kommt. So lebt
das Paar die "ideale Ehe", gilt nach aussen hin als Musterpaar.
Aber im Innern entsteht eine Tabuzone, ohne dass man es richtig
merkt. Und es taucht die Frage auf, wer bist du wirklich?
Und es wird - wie überall - so viel geschwiegen. Viele verheiratete
schwule Männer reden wenig über sich selbst, sie scheinen
oft auch nicht sehr viel über sich selbst nachzudenken. Sie
reagieren auf Fragen abwehrend und sagen, man solle sie nicht nerven,
nicht neugierig sein, nicht bohren etc. Sie werten das Fragen ab,
indem sie sagen, das sei typisch weiblich, immer müsse alles
zerredet werden. Schon die Mütter hätten versucht, sie
immer zu kontrollieren. Oder sie gehen sogar so weit, das Fragen
als Zeichen der Lieblosigkeit, als krankhaft und zerstörerisch
zu bezeichnen. Sie verlangen Vertrauen, wo sie es selber nicht verdienen.
War
meine ganze Beziehung von Anfang an eine Lüge?
Das Coming Out stellt die ganze
Beziehung in Frage. Alles muss neu überdacht werden. War er
damals wirklich an einem Kongress? Musste er wirklich Überstunden
machen? Ist der Sport sein Hobby oder nur ein Vorwand? Nichts scheint
mehr zu stimmen. Und die Frage ist unvermeidlich, wie ist es möglich,
dass ich das alles nicht durchschaut habe.
Die Entdeckung, dass der Partner homosexuell ist, scheint vielen
Frauen zu bestätigen, dass sie sexuell ungenügend sind.
Sie zweifeln an ihrer Weiblichkeit, fragen sich, ob sie vielleicht
zu wenig anziehend, zu wenig sensibel, zu wenig orgasmusfähig
seien etc. Nicht selten haben ihre schwulen Partner die eigene sexuelle
Unlust mit Vorwürfen bemäntelt: zuviel Po, zu wenig Busen,
zu dominant und was noch alles.
War die ganze gemeinsame Geschichte eine Lüge? Am Anfang stand
doch auch bei uns eine wunderbare Liebesgeschichte! Hat er mich
nur als Vorwand benutzt, um vor seiner Familie und der Gesellschaft
gut dazustehen? Wollte er nur die Kinder und ich war die Gebärmaschine?
Sehr viel Bitterkeit, Wut und Verunsicherung, Vorwürfe und
Zweifel und Selbstzweifel.
Auch die sexuelle
Identität ist ein Entwicklungsprozess.
Landläufig scheint man anzunehmen,
dass ein Mesnch von Anfang an entweder schwul sei oder hetero. Das
ist eine schreckliche Vereinfachung. Auch hier gibt es viele Zwischenstufen,
Phasen, Veränderungen. Schon Kinsey unterschied zwischen klar
hetero- und klar homosexuell sieben Stufen. Die Schwerpunkte können
sich im Laufe des Lebens verschieben oder ganz verändern.
Auch die ganz normale sexuelle Entwicklung als Frau, wie eines jeden
Menschen ist ein lebenslanger Prozess. Empfindungen und Phantasien
und die ganze Art Sexualität zu leben entwickeln sich - und
zwar zusammen mit dem Partner. Das ist ein ganz entscheidender Faktor:
Eine Frau entwickelt sich nicht allein, sondern zusammen mit den
Männern oder dem Mann, den sie liebt und mit dem sie Sex hat.
In diesem Prozess gibt es nun auf einmal einen radikalen Bruch.
Der Partner war gar nicht der, für den sie ihn hielt. Sie fragt
sich: "War er je wirklich bei mir? Und ich? Wer war denn ich
in dieser Zeit? Habe ich mir nur etwas vorgemacht? Worauf kann ich
mich noch verlassen?"
Dem geht meist eine längere, schleichende Abwertung voraus.
Die Frau wird von ihrem schwulen oder zumindest zweifelnden, suchenden
Partner sexuell nicht wirklich begehrt, die sexuelle Energie in
der Ehe geht verloren. Sie erlebt sich nicht mehr als anziehend,
wird unausgesprochen abgewertet und verinnerlicht das. Eine Frau
sagt: "Es ist, als ginge das Licht aus, und ich nehme mich
selbst in meiner Weiblichkeit nicht mehr wahr."
Ein Stigma
Man kann nun wieder sagen: sie
braucht sich diesen Schuh aber nicht anzuziehen. Sie wird einen
neuen Partner finden, und dann wird sie erleben, dass sie doch attraktiv
ist.
Viele Frauen, die wir über hetera kennen gelernt haben, fühlen
sich stigmatisiert, manchmal ein Leben lang. In der Gesellschaft
gibt es viele Vorurteile über Partnerinnen schwuler Männer.
Man denkt, sie müssten besonders naiv und unerfahren sein,
ein sehr geringes Selbstbewusstsein haben. Vielleicht, denkt man,
sind sie selber irgendwie unsicher in ihrer sexuellen Orientierung
oder auch "etwas" homosexuell. Auf jeden Fall müssen
sie als Frauen unattraktiv, passiv oder etwas maskulin sein, sonst
hätten sich die Männer ja nicht für sie interessiert.
Auch diese Vorurteile haben viele Frauen verinnerlicht und sie sehen
keine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren.
Die amerikanische Autorin Jean S. Gochros hat dazu eine Untersuchung
gemacht mit dem Titel "When Husbands come out of the Closet".
Per Inserat hat sie etwa 50 Frauen mit schwulen Männern gefunden
und detailliert befragt. Dabei hat sie soziologische und psychologische
Fragen gestellt, z.B. nach der Herkunft, Religion, Bildung etc.
und nach den sexuellen Erfahrungen in der Herkunftsfamilie, vor
der Ehe, während und nach der Ehe mit ihren schwulen Partnern.
Und sie stellt fest, dass verglichen mit der durchschnittlichen
Bevölkerung keine Unterschiede im "Profil" der Frauen
zu finden sind. Die Frauen sind sozialspychologisch betrachtet nach
Gochros Einschätzung völlig durchschnittlich und eher
selbstbewusst und attraktiv. Sich selbst haben die befragten Frauen
relativ häufig als eher naiv in sexuellen Fragen bezeichnet.
Ihre Ehen schienen ihnen selbst und der Umwelt aber als erfüllte
Partnerschaften. Nicht selten galten sie als ideales Ehepaar. Sie
sagen das natürlich aus der Rückschau, vielleicht als
nachträgliche Erklärung.
Ich glaube, dass wir mit Erklärungsversuchen, wie z.B. versteckt
maskuline Frauen suchen sich latent feminine Männer oder dergleichen,
eher neue Mythen in die Welt setzen als irgendetwas zu erklären
oder jemandem zu helfen.
Werde ich je wieder
einen neuen Partner finden?
Viele Frauen, besonders wenn sie
lange verheiratet waren, zweifeln daran, ob sie diesen Schock je
überwinden werden und wieder für eine neue Partnerschaft
bereit sein können. Sie haben das Gefühl für immer
beschädigt zu sein, weil sie sich als Frauen verraten, als
Mütter ausgebeutet und als Lügenschild benutzt fühlen.
Sie glauben nie wieder Vertrauen haben zu können, nie wieder
partnerschaftliche Nähe zu ertragen, sich nie wieder hingeben
zu können.
Und ausserdem: wer will schon die Exfrau eines Schwulen? Gibt es
Männer, die das aushalten?
Ich habe meinen Entschluss, andere Frauen mit schwulen Partnern
zu suchen um nicht mehr mit diesem Thema allein zu bleiben, gefasst,
als mir eine Ärztin mit drei Kindern und eigener Praxis Folgendes
erzählte: Ihr Mann hatte ihr in der Hochzeitsnacht gesagt,
er sei schwul. Damit müsse sie sich abfinden. Sie blieben trotzdem
viele Jahre zusammen, hatten Kinder etc. Und die Frau glaubte, irgendwie
mit der homosexuellen Neigung ihres Mannes leben zu können,
bis er eines Tages einen Freund hatte und die Familie verliess.
Tapfer zog sie in eine andere Stadt, baute sich eine Praxis auf
und fand einen neuen Partner - alle waren erleichtert und glaubten
an ein Happy-End. Dann erzählte sie dem neuen Partner die Geschichte
ihrer Ehe, und er sagte entsetzt: "Dann bist du ja gar keine
richtige Frau."
Folma Hoesch
Zurück
zu den Themen
Thema: Mit
den Kindern reden?
Soll man überhaupt
mit Kindern reden? Wann? Worüber? Warum?
Die Probleme der Partnerschaft
sind nicht die Probleme der Kinder. Ein Beispiel: in einer Ehe klappt
es sexuell nicht mehr so recht. Dann redet man nicht mit den Kindern
darüber, sondern mit dem Partner, vielleicht noch mit sehr
guten Freunden und man sucht Hilfe bei kompetenten Menschen. Die
Grenzen innerhalb der Familie müssen gewahrt bleiben. Kinder
sollen nicht überfordert werden, Eltern sollen sie nicht zu
ihren Vertrauten oder gar Verbündeten machen. Das stürzt
die Kinder in einen Loyalitätskonflikt und sie sind damit überfordert.
Ganz besonders sexuelle Probleme sind für kleine Kinder nicht
altersgerecht.
Vor allem: nicht
zuviel reden und nicht alles "erklären".
Das Coming Out bzw. "Coming-dahinter",
wie wir es manchmal nennen, ist für die Frauen (und oft auch
für die Männer) ein schwerer Schock. Diese Erschütterung
und das damit verbundene Gefühlschaos sollten die Eltern nicht
an die Kinder weiter geben. Es ist sehr schwierig, dosiert mit diesen
Gefühlen umzugehen. Für die Kinder, gleich in welchem
Alter ist das aber sehr wichtig.
Oft haben Eltern das Bedürfnis von den Kindern verstanden zu
werden. Zu ihrer Vorstellung von einer liebevollen Familie gehören
Offenheit und Verständnis. Sie möchten ihnen erklären,
was in der Partnerschaft passiert, warum sie jetzt wütend,
verletzt oder traurig sind. Die Kinder aber interessieren sich gar
nicht richtig dafür, sie scheinen nicht zuzuhören. Sie
schützen sich unbewusst, denn was sie brauchen sind nicht Erklärungen,
nicht einmal Aufklärung, sondern Sicherheit und Liebe.
(Vergl. Remo Largo in "Glückliche Scheidungskinder".)
Kinder wollen
manchmal gar nicht reden.
Auch ältere Kinder verstummen,
sie scheinen nicht wahrnehmen zu wollen oder zu können, was
sie nicht einordnen können. Da geht es ihnen genau so wie uns
Erwachsenen. Sie scheinen immer wieder zu "vergessen",
was man ihnen erklärt hat. Nicht selten entziehen sich vor
allem die etwas älteren Kinder mehr oder weniger deutlich einem
Gespräch. Sie versuchen das Thema gewissermassen klein zu halten,
ihr eigenes Leben nicht zu sehr davon bestimmen zu lassen. Ein Sohn
schrieb: "Der ganze Schlamassel meiner Eltern geht mich eigentlich
überhaupt nichts an." Auf den ersten Blick klingt das
etwas grob. Und dann spürt man, dass dieser Satz viel Luft
zum Atmen lässt.
Die Kinder müssen ihr eigenes Leben aufbauen und haben ein
Recht darauf, den Problemen der Eltern nicht zu viel Raum zu geben.
Es genügt, ihnen einigermassen die Wahrheit zu sagen und sie
dann selbst entscheiden zu lassen, wieviel sie noch wissen wollen.
Besonders Buben und junge Männer wählen eher diesen Weg.
Kinder, die nicht reden möchten oder können, greifen vielleicht
lieber zu einem Buch, welches sie in ruhiger oder versteckter Atmosphäre
ganz für sich alleine lesen und wieder lesen können. Es
gibt eine Unmenge guter Aufklärungs-Literatur für jedes
Alter. Ich empfehle allen Eltern, dass sie das Buch, das sie ihrem
Kind zum Lesen geben, zuerst selber studieren. Sie können dann
viel einfacher auf allfällige Fragen eingehen, falls die dann
doch noch kommen, und zudem bieten Bücher ein wunderbares Vokabular,
wenn Jung und Alt sich im Dschungel der Sexualausdrücke verloren
fühlen.
Beispiele: "Ganz schön aufgeklärt" von Jörg
Müller für Kinder vor der Pubertät
und "Gemischte Gefühle" von Joachim Braun und Beate
Martin für Jugendliche.
Wie kann das "Reden"
mit den Kindern aussehen?
Es geht nicht um ein einmaliges
Ereignis, sondern um eine Haltung. In jeder Familie sollte es eine
Kultur geben, wie man über die Fragen, die einen beschäftigen
spricht. Wer fängt Gespräche an? Wie geht man generell
mit Fragen der Kinder um? Wie wird über Sexualität gesprochen?
Welche Wörter benutzt man? Kinder spüren viel mehr als
sie verstehen. Sie lesen die Handlungen der Eltern, die Körperhaltung,
die Gefühle. Also kann man gar nicht nicht reden.
Die Faustregel ist: Wer eine Frage stellt, ist meistens auch reif
genug für die Antwort. Kinder reagieren je nach Alter und Wissen
verschieden: Es gibt Kinder, die vergessen schnell, was sie nicht
verstanden haben. Andere biegen das Gehörte auf ihre Weise
in etwas Verkraftbares um und wieder andere grübeln im Geheimen
über das Unverstandene nach. Vergessen wir nicht: Kinder bekommen
in ihrer peer-group und vor dem Fernseher einen Mix aus richtigen,
falschen oder verzerrten Informationen zum Thema Sexualität.
Deshalb: Anfangs genügen Hinweise, die Kinder werden dann vielleicht
fragen und darauf kann man ihnen antworten. Lassen sie sich dazu
viel Zeit!
Es geht
nicht nur um ein Gespräch über Sexualität, aber auch
darum.
Wie reden die Eltern miteinander?
Die Kinder sollten miterleben können, wie die Erwachsenen auch
über Fragen der Liebe reden, untereinander, mit Freunden. Das
heisst: man muss nicht nur mit den Kindern reden, sondern auch vor
den Kindern. Worte wie "schwul" oder "lesbisch",
wie "miteinander schlafen", "sich umarmen" und
vielleicht wie ...? Es sollte familiäre Ausdrücke dafür
geben. Wie für andere intime Themen auch.
Im Gespräch mit den Kindern geht es gar nicht nur um die Sexualität.
Sie wollen vielmehr wissen, ob Vater und Mutter einander gern haben.
Sie möchten spüren, dass Vertrauen herrscht. Und falls
das nicht so ist, sollte es auch ausgesprochen werden. Und wenn
die Eltern Abmachungen treffen, z.B. der Vater geht einmal die Woche
abends alleine aus, sollten die Kinder das wissen. Kinder wünschen
sich eine heile Welt. Das ist normal. Sie machen sich Sorgen, ob
der Vater weiter bei ihnen wohnen wird, ob die Eltern sich trennen
und was das dann für sie bedeutet.
Wenn der Vater seine
Lebensweise ändert, muss man dann mit den Kindern reden? Wie?
Nehmen wir an, der Vater zieht
aus und lebt seine schwule Seite. Vielleicht hat er einen Partner,
vielleicht sucht er seinen Platz in der homosexuellen Welt. Jedenfalls
ändert er seine Lebensweise, sein Äusseres, seine Freunde
etc.
Es ist hier gleichgültig, wie alt die Kinder sind. Sie brauchen
eine fassbare Begründung für das, was der Vater tut. Er
selbst ist ihnen diese Erklärung schuldig. Wenn möglich
sollten die Eltern zusammen mit den Kindern reden. Wenn der Vater
sich dazu nicht durchringen kann, muss die Mutter das Gespräch
alleine führen. Aber es geht niemals darum ihnen zu erzählen,
was sich genau in der Sexualität der Eltern, bzw. des Vaters
abspielt, sondern darum eine Façon de Parler zu finden. Das
ist keine Lüge, sondern eine altersgerechte Formulierung, die
den Kindern eine Möglichkeit gibt, das für sie letztlich
Unfassbare in eine handhabbare Form zu bringen.
Wenn es für
die Eltern ein wichtiges Thema ist, müssen sie dann mit den
Kindern reden?
Wenn gar nicht darüber gesprochen
wird, ist die homosexuelle Neigung des Vaters bzw. die lesbische
Seite der Mutter ein Familiengeheimnis, das grosse Probleme anrichten
kann. Die Kinder spüren, dass es etwas gibt, das sie nicht
wissen sollen. Und sie fangen an, darüber zu phantasieren.
Einer der zentralen Aspekte einer Partnerschaft mit wechselnden
sexuellen Identitäten ist die Verwirrung. Verwirrung auf ganz
vielen Ebenen: der Vater ist nicht eindeutig schwul oder heterosexuell.
Oft schwankt er, versucht beides, führt ein Doppelleben, verdrängt
den Konflikt in sich selber.
Die Mutter ist verunsichert, welche Rolle sie eigentlich für
ihren Mann spielt. Ist sie wirklich seine wichtigste Partnerin?
Hat er Freude am Sex mit ihr? Spielt er ihr das alles nur vor, weil
er seine Kinder und das warme Nest nicht verlieren will? Benutzt
er sie als Fassade, damit er im Beruf und in der Gesellschaft gut
dasteht?
Das alles spüren die Kinder. Es liegt in der Luft wie ein heisser
Atem, wie etwas Bedrohliches. Aber niemand spricht mit ihnen darüber
und die Kinder selbst können es nicht benennen oder aussprechen.
Deshalb: Den ersten Schritt zum Gespräch müssen die Erwachsenen
tun.
Was passiert,
wenn man nicht darüber spricht?
In der Familie wird das Thema Sexualität
und Homosexualität immer wieder auftauchen. Aber es wird behandelt
wie eine heisse Kartoffel, die man schnell wieder fallen lässt.
Gespräche dazu verstummen plötzlich. Man wird verlegen,
benimmt sich künstlich. Damit das nicht passiert, passt man
auf, dass das Gespräch möglichst gar nicht in die Nähe
dieses Themas kommt. Also muss man Diskussionen rund um Sexualität
oder auch nur Ehe, Freizeit, Offenheit, Homosexualität etc.
früh abblocken, damit sie nicht "heiss" werden und
man dann einen auffälligen Rückzug antreten müsste.
Die Kinder merken, dass die Eltern etwas nicht sagen. Und sie fragen
sich, ob sie vielleicht etwas getan haben, was die Eltern so schlimm
finden, dass sie nicht einmal schimpfen. So suchen sie die Schuld
bei sich und sie werden sie finden, denn perfekt fühlen sie
sich nicht.
Man kommt um eine Aufklärung über Homosexualität
auch bei kleinen Kindern nicht herum. Die Kinder hören das
Wort "schwul" sicher als Schimpfwort, im Wortschatz mancher
Jugendlicher scheint es nur zwei Adjektive zu geben: "cool"
für alles Schöne und "schwul" für alles
Negative. Schule und Elternhaus müssen also aufklären,
was die Wörter wirklich bedeuten und einen normalen Umgang
mit ihnen vorleben. Das gilt für hetero-Familien auch.
Und noch ein Aspekt: Irgendwann wird man darüber reden müssen.
Werden die Kinder dann sagen: warum habt ihr uns so etwas Wichtiges
nicht schon früher erzählt? Was soll man ihnen dann antworten?
Wann ist der "richtige" Zeitpunkt? Aus allen diesen Überlegungen
gibt es nur eine Antwort: So früh wie möglich - aber mit
viel Verantwortung.
Die Kinder kommen
selbst in das Alter, in dem sie ihre sexuelle Identität finden
müssen. Dann sollten sie mit den Eltern reden können.
Kinder fragen vielleicht eines
Tages. Woran merke ich denn, ob ich selber schwul bin bzw. lesbisch?
Dann kann die Antwort lauten: beobachte dich selber, sei offen für
deine eigenen Reaktionen, spüre auch genau, was dein Körper
tut, wann es kribbelt, wo und warum? Lerne mit der Zeit unterscheiden,
ob du etwas nur aufregend findest, weil es fremd oder verboten ist
oder weil es dich erregt. In diesem Gespräch kann man auch
erzählen, wie es einem selber ergangen ist. Diese Geschichten
können Eltern und Kinder, wenn sie in einer guten Atmosphäre
stattfinden, sehr verbinden.
Es ist sehr schwierig zu sagen, wie eine gemischt orientierte Ehe
die Entwicklung der Kinder beeinflusst. Im Idealfall werden die
Kinder toleranter und sie wissen mehr vom Leben als andere. Sie
können sich die Frage, ob sie selber homosexuell sind, unverkrampfter
stellen und ihre eigene Antwort finden.
In der Realität ist alles meistens sehr viel komplizierter.
Eltern sind Vorbilder, Begleiter und Gesprächspartner ihrer
Kinder. Dabei zählen nicht ihre Ideale, sondern ihr wirklich
gelebtes Leben, ihr Handeln und ihre Echtheit. Es kommt nicht so
sehr darauf an, ob ein Vater homosexuell ist, sondern wie er damit
umgeht. Kann er selber die verschiedenen Seiten seiner Persönlichkeit
integrieren? Oder spaltet er manche seiner Erfahrungen ab? Kann
er zu dem stehen, was er tut? Und wie geht die Mutter mit den Tatsachen
ihrer Beziehung um, mit dem Schock und dem Chaos der Gefühle?
Kann sie zu sich selber zurückfinden und Beziehungen neu leben?
Wie
kann man die Kinder gegen die Vorurteile der Gesellschaft stärken?
In der Familie ein gutes Klima
zu schaffen, ist schon schwer genug. Aber es genügt noch nicht.
Wir müssen damit rechnen, dass unsere Kinder auf die Vorurteile
der Gesellschaft treffen.
Die beste Vorbereitung ist ein offenes Gesprächsklima. Die
Kinder haben dann eine Sprache, sie wissen, wie es wirklich ist.
Das macht sie stark. Dabei kann man auch über die Vorurteile
sprechen, mit denen ein schwuler Vater und seine Partnerin rechnen
müssen. Man kann sagen, dass man sich auch selbst bis zu einem
gewissen Grad davor fürchtet und deshalb vorsichtig ist. Und
man kann durchspielen, wie man sich wehren kann. Auch das Kind kann
unterscheiden, mit wem es reden kann, mit wem eher nicht, welchen
Situationen es besser aus dem Weg geht. Es wird dabei eine Menge
über die Welt lernen.
Je offener die Eltern selber sind auch in bezug auf ganz andere
Fragen wie Homosexualität, desto offener und klüger können
auch die Kinder sein. Wir sind, ob wir es wollen oder nicht, das
wichtigste Modell für sie. Und wenn wir das alles für
unsere Kinder getan haben, können wir sie getrost ihren eigenen
Weg ziehen lassen. Die Hürden des Lebens müssen sie letztendlich
selber bewältigen.
Folma Hoesch
Zurück
zu den Themen
Thema: Leben
mit einem Tabu
Man könnte ja meinen, dass alles wieder
gut ist, wenn es der Familie, der Frau, ihrem schwulen Partner und
den Kindern gelingt dazu zu stehen und ein entspanntes Verhältnis
zueinander zu entwickeln. In der Realität ist das meistens
nicht so oder jedenfalls nicht so einfach.
Die homosexuellen
Partner möchten meistens die Familie erhalten.
Es gibt die Annahme, dass die Hälfte
der 8 -10% homosexueller Männer verheiratet sind und Familie
haben. Das kann nicht aus Versehen passiert sein. Sie wollen eine
Ehe und sie wollen eine Familie. Oft stehen ganz rührende Liebesgeschichten
am Anfang. Und in vielen Fällen hat die Umgebung, haben sogar
die Beteiligten den Eindruck, es sei eine ideale Familie.
Der Wunsch nach einem Leben in den Normen der Gesellschaft, nach
einem Ort der Geborgenheit, der Wunsch nach eigenen Kindern war
die homosexuellen Männer oder Frauen zumindest zur Zeit der
Familiengründung grösser als die sexuelle Neigung. Nun,
nach dem Coming Out, möchten sie das alles nicht verlieren
und hoffen, ja fordern, dass sie beides miteinander haben können.
Und auch die Frauen halten lange an der Ehe fest, nur schon wegen
der Kinder, oft aus finanzieller Abhängigkeit, und weil sie
ihren Lebenstraum von der intakten Familie nicht aufgeben wollen.
Wie auch immer
die individuelle Lösung aussieht, es bleibt ein Tabu.
Für sich selber können
viele Partner eine individuelle Lösung finden, auch als Eltern,
in der Familie, in der Nachbarschaft lernt man mit dem Thema umzugehen.
Aber je grösser der Kreis wird, z.B. in einer grösseren
Firma, in der Gemeinde, im Verein desto unberechenbarer werden die
Reaktionen und wenn man gar öffentlich redet, merkt man: es
bleibt ein Tabu.
Das gilt leider ganz besonders für die Kinder. Unter Gleichaltrigen,
in der Schule sind sie den Klischees und Vorurteilen stärker
und schutzloser ausgesetzt. Damit müssen sie leben. Es entsteht
daraus sehr viel Bitterkeit gegenüber dem Vater bzw. schwulen
Partner, gegenüber Familienmitgliedern, die damit nicht umgehen
können, über spitze Bemerkungen aus der Umgebung - und
manchmal auch über Helfer und Therapeuten, die die Tragweite
des Problems nicht durchschauen.
Reden ist Lebens
- Not - wendig.
Die Frauen sind oft hin und her
gerissen und schweigen.
Sie glauben, die einzige auf der ganzen Welt zu sein, der das passiert.
Sie haben alle die Klischees verinnerlicht, die in der Gesellschaft
herum schwirren. Es liegt auf der Hand, dass sie dazu viel Wissen,
den Kontakt mit anderen betroffenen Frauen und sehr kompetente Hilfe
brauchen. Wir hoffen, dass eine differenzierte Diskussion in der
Öffentlichkeit dazu beitragen kann.
Es ist lebensnotwendig, dass betroffene Frauen ihren Schmerz und
ihre Wut ausdrücken können, sie brauchen andere Frauen,
mit denen sie ihre Gefühle austauschen. Aber die sind oft nicht
zu finden. Ein schwer beschädigtes Selbstwertgefühl, Isolation
und Depression können die Folge sein, und nicht selten werden
die Frauen körperlich krank. Atemwegsbeschwerden, Schlaflosigkeit,
Rückenprobleme, ja Krebs scheinen häufig in diesen Zusammenhang
zu gehören.
Hetera Begegnungstage
Ein Blick in die Runde an einem
Begegnungstag für betroffene Frauen ist an sich schon heilend,
denn dort sitzen gegen ein Dutzend betroffene Frauen und sie sind
alle verschieden. Jung und alt, schlank und rund, schick und unauffällig,
intellektuell und gefühlsbetont, lustig und traurig, alle menschlichen
Variationen sitzen da im Kreis und alle Klischee-Vorstellungen,
alle einfachen Erklärungen sind auf einen Blick erledigt.
Es hilft sehr, die Geschichten der anderen zu hören, denn es
gibt hier soviel Neues zu erfahren. Frau hatte so vieles nicht für
möglich gehalten, sie hört nun viel über Homosexualität
und Bisexualität. Das ist wichtig. Und ebenso viel lernt sie
über die Variationen des Coming out, über Reaktionen und
Gefühle der Frauen in diesem Moment, über Lösungsversuche
und Lebensmöglichkeiten. Die stille Frau erfährt, dass
eine andere zornig sein kann, und die temperamentvolle Frau, die
vielleicht zu schnellen Reaktionen neigt, hört von Geduld und
Gelassenheit. So kann aus dem Schock, den das Coming Out meistens
bewirkt, neue Lebenserfahrung wachsen und nach der grossen Verwirrung
kann Schritt für Schritt wieder Klarheit entstehen und schliesslich
ein gangbarer Weg gefunden werden.
Informationen
beschaffen.
Man kann nicht erwarten, das jeder
Mensch sich mit der Homosexualität auseinandersetzt. Viele
Frauen befassen sich damit erst, wenn sie darauf gestossen werden.
Aber jetzt ist es wichtig, dass sie wissen, wie die Lebenswelt der
Homosexuellen aussieht, dass sie Bücher mit Geschichten und
Theorien lesen, dass sie sich in die Perspektive der Schwulen einfühlen
können. Es ist hilfreich homosexuelle Männer persönlich
kennen zu lernen, um eigene Vorurteile abzubauen. Und es scheint
mir ebenso hilfreich, wenn die Kinder dabei mit einbezogen werden.
Die Grenzen des guten Geschmacks und die Grenzen zwischen den Generationen,
auf die ich im Kapitel "mit den Kindern reden?" schon
hingewiesen habe, müssen dabei beachtet werden.
Unsere Homepage soll dazu beitragen. Dort finden Sie auch Literaturhinweise.
Freilich müssen die Partnerinnen aufpassen, dass sie die Perspektive
der Homosexuellen nicht eins zu eins übernehmen. In den Medien,
in der Literatur, ganz besonders im Fernsehen, scheint die Dreiecksgeschichte:
Ehepaar mit seinem Freund zur Zeit besonders beliebt zu sein und
als sehr sexy und pikant zu gelten. Dabei ist die Frau fast immer
die verständnisvolle Partnerin, die den Männern hilft
ihre Beziehung zu leben, den Freund in die Familie integriert und
sich, weil er so nett und attraktiv ist, auch noch ein bisschen
in ihn verliebt. Mich machen diese Filme zynisch. "Friede,
Freude, Eierkuchen" nenne ich das. Alles wird gut - aber die
Frau bleibt dabei als huldreiche Marienfigur am Wegrand. Man kann
nur noch zu ihr oder für sie beten.
Grenzen ziehen
So wichtig es ist, die Welt des
schwulen Partners zu kennen, so wichtig ist es auch, dabei die eigenen
Grenzen zu beachten. Es gibt hier keine Regeln. Der einzige Ratgeber
ist das eigene Gefühl. Wieviel Nähe des eigenen Partners
verträgt die verunsicherte Frau? Will sie weiter mit ihm schlafen?
Es gibt erfüllte Sexualität auch mit schwulen oder bisexuellen
Männern. Aber das muss jede für sich selbst herausfinden.
Ist es ihr - um ein in meinen Augen eher extremes Beispiel zu nennen
- in der eigenen Wohnung noch wohl, wenn sie weiss oder annehmen
muss, dass der Ehemann sich in ihrer Abwesenheit mit seinem Freund
in ihren Räumen, womöglich im Schlafzimmer trifft?
Oft muss man den Frauen helfen, diese Grenzen zu erkennen und sie
in praktische Konsequenzen umzusetzen. Es müssen Abmachungen
getroffen werden, z.B. wieviel schwule Aktivitäten kann sie
zulassen, was darf innerhalb der eigenen vier Wände stattfinden,
was wird wem gesagt etc.
Nur wenn diese Abmachungen eingehalten werden, ist eine Fortsetzung
der Partnerschaft zumutbar, bzw. kann eine Trennung zu einer guten
Lösung werden.
Familien-Modelle
Wenn ein Paar keine Kinder hat,
lassen sich passende Lösungen für Erwachsene etwas leichter
finden. Schmerzlich sind sie oft trotzdem. Wenn aber Kinder da sind,
wird alles sehr viel schwieriger.
Wir kennen die "normale" Kleinfamilie. Mutter, Vater,
Kinder. Im Fall eines Coming-Out heisst das: der Hetero-Teil toleriert
die Neigungen des anderen? Welche Abmachungen müssten dann
getroffen werden? Wie kann das für beide Seiten stimmig werden?
Oder die "offene Ehe", d.h. die Eltern leben zusammen
und haben entsprechend ihren Neigungen sexuelle Beziehungen ausserhalb
der Ehe.
Welche Formen für Familien mit Kindern kennen wir sonst noch?
Trennungsmodelle
Junge Eltern entscheiden sich nicht
selten für das Modell Halb/Halb, bei dem das Kind die halbe
Zeit beim Vater, die andere halbe Zeit bei der Mutter lebt.
Viel häufiger sind die alleinerziehenden Mütter bzw. Väter
mit Kindern. Der andere Elternteil ist im Alltag abwesend. Aber
es gibt eine Besuchsregelung.
Eine dritte Variante: der Vater oder die Mutter leben mit einem
schwulen Partner bzw. einer lesbischen Partnerin zusammen. Soll
das Kind sie besuchen, wenn sie mit dem Freund, der Freundin zusammen
sind? Natürlich, würden wir sagen. Aber wie offen sollen
die homosexuellen Eltern dann sein? Welche Regeln lassen sich finden?
Für alle Modelle stellt sich die Frage: gemeinsames Sorgerecht,
ja oder nein?
Was ist alles sonst noch denkbar?
Wieviel
und welche Hilfe?
Wenn eine Frau frisch von den schwulen
Neigungen ihres Mannes erfahren hat, steckt sie meistens zuerst
einmal in einem Gefühlschaos. Wenn sie in dieser Phase Hilfe
sucht, dann muss der Berater ihr helfen, den Boden wieder zu finden,
das Chaos einigermassen zu erfassen, vielleicht zu ordnen. Kurz,
sie braucht jemanden, der/die ihre Sicht teilt, ihre Partei ergreift,
sie stützt etc, sie braucht Coaching., und eventuell praktische
Hilfe, wie Adressen, Auskünfte etc. Familienberatungsstellen,
die Dargebotene Hand, die Telefonseelsorge, eventuell Pfarrer und
andere Helfer sollten meines Erachtens zunächst auf einer ganz
konkreten Ebene bleiben, bis die Gefühle wieder klarer sind,
bis die Frauen wieder Boden unter den Füssen haben. Therapie
würde ich das nicht nennen, sondern beratende Begleitung.
Viele Frauen haben aber die Erfahrung gemacht, dass es ihnen nur
schwer gelingt, für ihr Anliegen Gehör zu finden. Eine
betroffene Frau schreibt: "Das Thema "schwul", obwohl
immer wieder erwähnt, wurde unter den Tisch gefegt. Ich möchte
erwähnen, dass ich meinen Therapeuten sehr schätze. Trotzdem
ärgere ich mich immer wieder, dass ich mein eigentliches Hauptthema,
die "Homosexualität", in meinen Sitzungen nicht zum
Mittelpunkt machen kann." Ich unterstelle, dass der Therapeut
es gut meint. Aber auch er ist vielleicht überfordert. Mit
Recht versucht er nicht Erklärungen zu konstruieren. Er spürt
vermutlich, dass er die rein individualpsychologische Ebene verlassen
müsste, um die Gefühle seiner Klientin zu verstehen. Das
Tabu ist selbst ein wesentlicher Teil des Problems, und das ist
ein kollektiver Aspekt, den man individuell nicht lösen kann.
Auch Erklärungen aus dem individuellen Leben oder der Person
der Betroffenen greifen zu kurz. Das weiss er wahrscheinlich. Aber
wenn er die Fragen seiner Patientin ohne klare Stellungnahme zur
Seite schiebt, fühlt sie sich doppelt im Stich gelassen.
Es passiert leider vielen Frauen, dass sie in dieser Situation gefragt
werden, wo denn ihr Anteil an der Krise liege, wie sie selber dazu
beigetragen hätten, wo eventuell ihre homosexuelle Seite zu
suchen sei. Das ist sehr verletzend und meines Erachtens ist es
auch falsch. Es ist schon schlimm genug, dass solche Fragen von
Aussenstehenden, z.B. von der eigenen Mutter gestellt werden, aber
es verstärkt die allgemeine Verwirrung nur noch mehr. Zu einem
späteren Zeitpunkt, wenn es darum geht, diese Erfahrungen in
das eigene Leben zu integrieren, kann es für eine Frau sinnvoll
sein sich solche Fragen zu stellen.
Enttabuisierung
Der grösste Teil unserer Arbeit
für hetera dient dem Zweck, das Tabu wo immer möglich
abzubauen. Hanna Lukes und ich haben uns entschlossen mit unseren
Namen und unseren Gesichtern öffentlich darüber zu reden,
Medienarbeit zu machen. Es war ein langer persönlicher Weg
bis dahin. Wir haben ihn auch mit unseren Partnern und entsprechend
ihrem Alter mit unseren Kindern besprochen. Meine erwachsenen Söhne
und ihre Partnerinnen unterstützen mich darin, indem sie als
Architekten die Gestaltung der Homepage, bzw. als Informatiker die
technische Betreuung übernommen haben. Sie sagen mir: Diese
Arbeit und euer Auftreten in der Öffentlichkeit helfen auch
uns, zur Geschichte unserer Eltern zu stehen und offener darüber
zu reden. Das Co-Coming-Out bleibt schwer für alle, die Partnerinnen
und die Kinder. Es bleibt ein Leben mit einem Tabu.
Folma Hoesch
Zurück
zu den Themen
Thema: Trennen
oder zusammen bleiben
Muss man
sich von einem schwulen Partner trennen?
Die schwule Seite des Mannes ist nicht zwingend
ein Grund sich zu trennen, selbst dann nicht, wenn er sie konkret
auslebt. Das zeigen uns viele Lebensgeschichten.
Fast alle Frauen, die wir durch hetera kennengelernt
haben, möchten ihre Familie erhalten. Sie lieben ihren Mann,
beide haben gemeinsame Interessen und sie haben vielleicht schon
eine lange Ehegeschichte miteinander erlebt. Wenn auch noch Kinder
da sind, wenn man eine gemeinsame Existenz oder ein Haus hat, ist
das leicht nachzuvollziehen.
In
den Gruppen oder Gesprächsforen sieht es oft nach Trennung
aus.
Wenn wir die Gespräche in Selbsthilfegruppen
oder Internetforen beobachten, sieht es manchmal so aus, als wenn
alle Beteiligten nur an Trennung denken. Viele Frauen, die zu uns
stossen, sind erleichtert, dass sie endlich all die schwierigen
Erfahrungen mit Gleichgesinnten besprechen können, dass man
ihnen verständnisvoll zuhört und vielleicht auch einen
Rat geben kann. Enttäuschung und Zorn sind intensive Gefühle,
sie äussern sich temperamentvoll und verdrängen manchmal
die liebevollen und leiseren Töne. Das kann dazu führen,
dass eine Art Sog in Richtung Trennung und Scheidung entsteht und
dass die Frauen, die ihre Ehe erhalten möchten, sich zurückziehen.
Neue Nähe, neues
Verstehen nach dem Coming Out
In den meisten Fällen lebt der schwule
Partner seine Neigung zunächst im Verborgenen aus, sei es im
Internet, in der Schwulenszene oder ähnlich. Nun spricht er
mit seiner Frau darüber. Das kann ein Moment grosser Offenheit
und Vertrautheit sein. Vielleicht hatten sich beide durch sein Geheimnis
entfremdet, vielleicht hatte die Partnerin schon lange einen Verdacht
oder ein ungutes Gefühl, schwieg aber, weil sie unsicher war
und ihren Mann nicht verletzen wollte. Das Tabu hat immer die Kraft,
eine Aura der Verwirrung und Unsicherheit zu verbreiten.
Und nun wird endlich offen gesprochen. Es ist dabei nicht einmal
entscheidend, ob es ein freiwilliges Coming Out war oder ob die
Partnerin seine schwulen Aktivitäten entdeckt hat, wir nennen
das leicht scherzhaft "Coming dahinter". Wichtig ist,
dass die Intimität des Gesprächs wieder oder endlich hergestellt
ist. Und daraus entsteht oft auch eine liebevolle sexuelle Neubegegnung,
die beide sehr geniessen.
Vertraktes
Vertrauen
Trotzdem ist das Vertrauen gestört und
muss wieder hergestellt werden. Für den schwulen Partner ist
das gar nicht leicht zu verstehen. Er hat den Mut gehabt, zu sprechen,
er war offen und ehrlich, er fühlt sich endlich verstanden.
Und nun muss er begreifen, dass seine Partnerin misstrauisch bleibt,
vielleicht überhaupt erst misstrauisch geworden ist. Er mag
sich wünschen, alles sei wieder versteckt wie vorher.
Die Partnerin realisiert oft erst langsam,
dass sich etwas Entscheidendes verändert hat. Es ist etwas
in ihr Leben getreten, das sie nicht für möglich gehalten
hatte. Sie fühlt sich überfallen, hineingezogen in eine
Welt, mit der sie nichts zu tun zu haben glaubte. Es gehörte
vielleicht zu ihren Vorstellungen von der Ehe, dass man rückhaltlos
offen zueinander ist. Kann sie glauben, dass er nun "alles"
erzählt hat? Macht es überhaupt Sinn, alles zu besprechen,
wird sie dabei vielleicht Dinge hören, die sie weiterhin verunsichern
oder gar abstossen werden?
Zweifel nagen an ihr, Zweifel am Partner
und an sich selbst, an der Gegenwart und an der Vergangenheit..
(siehe oben: Identitätskrise) Ihre eigene Geschichte muss neu
geschrieben werden.
Und sie merkt, dass sie es mit einem Tabu
zu tun hat. Sie weiss nicht, wie sie mit anderen darüber sprechen
kann. Gerade eine Frau, die Offenheit in der Ehe sucht, wird diese
auch in der Familie und mit ihren Freundinnen schätzen. Aber
jetzt muss sie ein Geheimnis hüten, wenn sie darüber spricht,
outet sie ihren Partner, der das vielleicht nicht will, und das
kann unabsehbare Folgen haben, auch für die Beziehung. Und
sie muss sich selbst outen.
..
Die Ehe neu lernen
Beide Partner müssen jetzt eine Menge
neu lernen. Der schwule Mann hat sich meistens schon lange mit seinen
Gefühlen auseinandergesetzt. Er hat Kontakte im Internet gesucht,
die Szene kennengelernt, er hat unterscheiden gelernt, was er will
und was er nicht will. Er hat eine neue Sprache gelernt, kann sich
ausdrücken. Er hat einen grossen Vorsprung an Wissen und Erfahrung.
Die hetero-Partnerin dagegen hat erstmal
einen Schock. Es verschlägt ihr die Sprache. Selbst wenn sie
tolerant und welterfahren ist, hat sie doch vermutlich nicht damit
gerechnet, dass sie so direkt mit diesem Thema konfrontiert werden
würde. Viele Frauen kostet es Überwindung, Worte wie "schwul"
oder "homosexuell" überhaupt in den Mund zu nehmen.
Dabei haben sie einen grossen Nachholbedarf. Wer bis dahin nur eine
grobe und klischeehafte Vorstellung von "den Schwulen"
hatte, muss nun lernen, dass es auch da ein riesengrosses Spektrum
an Verhaltensmustern gibt, von zarten Beziehungen zwischen Männern,
intensiven Gefühlen bis zu anonymem oder käuflichem Sex
und zu hartem Porno und sexueller Gewalt.
Da findet sie sich auf einmal womöglich in einem Dschungel
wieder und kann mit ihren ethischen Werten und dem Glauben an ihren
Partner tief in Konflikt geraten.
Frauen, die von ihrem Partner nie, selten oder schon lange nicht
mehr sexuell begehrt wurden, haben daran gelitten, haben vielleicht
verzichtet, weil ihnen die Familie und das Zusammensein mit ihrem
Mann wichtig waren. Sie haben dadurch viel in die Beziehung investiert
- und müssen jetzt sehen, dass dem Partner dieses besondere
Engagement und Mittragen nichts wert war.
Offenheit
des schwulen Partners
Wie geht man mit dieser Situation um? Es
ist offensichtlich, dass hier ein grosser Gesprächsbedarf besteht.
Der Mann hat sich aber oft daran gewöhnt
zu schweigen, zu verstecken, zu leugnen - auch vor sich selbst.
Er muss vielleicht zuerst lernen, sich selbst gegenüber ehrlich
zu sein. Und er muss sein eigenes Verhalten neu bewerten. Nehmen
wir einmal an, er hat seine Neigung bisher nur in der Phantasie
oder im Internet ausgelebt. Dann ist der Schritt von dieser heimlichen
zu einer offen eingestandenen Aktivität immer noch sehr gross.
Solange "nichts geschieht", legt er sich vielleicht nicht
genau Rechenschaft ab, was er da tut, wie er sich selbst versteht
und wie das zu seinen Vorstellungen von der Beziehung zu seiner
Frau passt.
Wenn er bereits konkrete Beziehungen oder/ und sexuelle Kontakte
zu anderen Männern erlebt hat, wird es noch einmal schwieriger.
Wieviel soll er seiner Frau erzählen? Was kann sie verkraften?
Soll er alles auf einmal beichten oder lieber Schritt für Schritt?
Wird es nun kein eignes Leben mehr haben dürfen?
Ich glaube, er sollte ihr gegenüber
aktiv offen und verantwortungsbewusst mit seiner homosexuellen Seite
umgehen. Es kann kein neues Vertrauen wachsen, wenn er sich einzeln
alle Taten und Untaten entreissen lässt. Aber es ist weder
taktvoll noch klug, wenn er wie ein Kind bei seiner Mutter nun alle
Erfahrungen, die schönen und die schwierigen ausbreitet, für
alles Verständnis erwartet und sich womöglich ausweinen
will.
Die Opferrolle
Sehr viele Männer haben die Tendenz,
sich selber als Opfer ihrer sexuellen Neigungen darzustellen. "Da
ich nun einmal so bin, kann und konnte ich nicht anders." Offenbar
hilft ihnen das, mit ihren eignen Skrupeln umzugehen, vielleicht
sogar mit ihrer eigenen Homophobie fertig zu werden.
Und es erlaubt ihnen eine neue Identität zu finden. Die Homosexuellen
bilden eine Subkultur in unserer Gesellschaft, eine Minderheit mit
eigenem Lebensstil, Vorbildern, einer Präsenz in der Öffentlichkeit,
einer eigenen Geschichte, seit kurzem mit eigenen Gesetzen etc.
Zum Glück wird die Toleranz immer grösser, es ist nicht
mehr so gefährlich sich als Schwuler zu outen.
Aber es kann keine Rede davon sein, dass
ein Mensch krank oder gestört würde, wenn er seine sexuellen
Phantasien nicht auslebt. Es kann gute Gründe für ihn
geben, sich gegen ein aktives schwules Leben zu entscheiden, und
er wird weder komisch, noch depressiv davon werden, noch bekommt
es Krebs oder sonst etwas davon. Es ist seine Entscheidung, wie
er sein Leben führen will, und er muss sie verantworten.
Auch die Partnerin fühlt sich im ersten
Moment als Opfer und hat es oft schwer diese Opferhaltung wieder
loszulassen. Der Schock des Coming Out ist für die meisten
sehr gross. Die Welt und das Selbstverständnis der Frauen werden
erschüttert. Darüber habe ich an anderer Stelle schon
einiges gesagt.
Aber es tut niemandem gut, in der Opferrolle
zu bleiben, denn sie blockiert das Denken und das Handeln. Um wieder
heraus zu kommen muss die Partnerin genau hinschauen. Sie muss sich
zuerst einmal informieren, denn meistens sieht sie sich vor ein
ziemlich unbekanntes Feld gestellt. Und dann wird sie auch den Mut
finden zu reden, Hilfe zu suchen. Sehr bewährt haben sich Selbsthilfegruppen,
denn dort findet man andere Betroffene, die einem helfen zu verstehen
und weiter zu denken.
Offenheit
der hetero-Partnerin
Um neues Vertrauen aufzubauen, muss die Frau
am Neustart mitarbeiten und z.B. bereit sein, ihm zu glauben, dass
er sie nicht mehr hintergeht.
In ihrer grossen Verunsicherung neigen manche
Frauen dazu, zuviel wissen zu wollen. Sie haben ihren symbiotischenTraum,
dass man mit einem einzigen Menschen alles teilen könne, noch
nicht zu Ende geträumt. Und sie erschrecken dann, wenn sie
Details erfahren, mit denen sie gar nicht umgehen können.
Und noch mehr Frauen haben vor dem Coming
dahinter viele Gründe gehabt, an der Ehrlichkeit ihrer Partner
zu zweifeln. Sie haben ein SMS entdeckt, der Partner hat geleugnet,
dass es sich um ein Date handelte. Sie haben im Computer Spuren
von Chats, schwulen Pornos, Kontaktseiten etc, gefunden, aber der
Partner hat alles herunter gespielt. Nicht selten hat er ihr die
Schuld am sexuellen Versagen und seltsame Phantasien zugeschoben.
Sie hat gefragt und keine Antwort bekommen, sie hat sogar hören
müssen alle Schwulen seien Schweine und die ganze Gayszene
ein Sündenbabel. Damit wolle ein Mann sicher nie etwas zu tun
haben.
Nun können manche Frauen nie wieder
glauben, dass der Partner je wieder ehrlich zu ihnen spricht. Und
dann ist die Beziehung vielleicht dauerhaft gestört. Jedenfalls
ist es ein langer Weg, bis ein neues Gleichgewicht und neues Vertrauen
gefunden worden sind. Es gibt offenbar viele Männer, die sich
das zu einfach vorstellen und die ihre Partnerinnen damit überfordern.
Sucht
Kurz möchte ich hier erwähnen,
dass das sexuelle Verhalten mancher schwuler Männer Suchtcharakter
hat. Die Suche nach dem immer stärkeren Kick, dauernder Konsum
von Pornos oder Gay-Seiten im Internet, sehr häufige Besuche
in Saunen, auf Schwulentreffpunkten oder auf dem Strich. Es gibt
viele Varianten. Wenn ein Mann soweit gekommen ist, kann er sich
vermutlich nicht mehr einfach durch einen Schwur seiner Partnerin
zuliebe daraus lösen. Dann braucht er Hilfe.
Und wenn die Partnerin sein Verhalten toleriert,
ihm vielleicht sogar mit Ausreden und Lügen "hilft",
dann sollte sie sich fragen, ob sie sich wie eine Co-Süchtige
verhält, die das kranke Verhalten bestärkt statt es klar
beim Namen zu nennen. Hier brauchen beide Hilfe, denn es ist schwer
aus diesem Teufelskreis heraus zu kommen.
Beide müssen
die Beziehung ehrlich wollen
Jeder Mensch ist anders, jede Beziehung,
jede Ehe auch. Es gibt unzählige Lösungen von der klassischen
Monogamie über gelegentlichem Sex ausserhalb, der "offenen
Ehe" mit Aussenbeziehungen für beide Partner, Partnerschaften
zu dritt, "Geschwisterehe", FamilienWG ist alles möglich.
Und alles kann sinnvoll sein.
Zentral ist, dass beide Partner die Beziehung
tragen. Frauen sind oft sehr bereit, viele Zugeständnisse zu
machen, denn sie geben der Beziehung und der Familie einen hohen
Stellenwert und sie haben viel Einfühlungsvermögen. Darin
liegt eine grosse Stärke. Aber wenn sie versuchen, allein alles
in der Waage zu halten, allein Kompromisse zu finden, das Geheimnis
zu wahren, oder wenn sie den Konflikt scheuen, dann sind sie über
kurz oder lang überfordert. Und die Situation wird nicht klarer,
sondern eher verworrener.
Auch der Partner, der homosexuelle Phantasien
hat, sie vielleicht auch leben möchte, will meistens in der
Ehe, in der Partnerschaft bleiben. Das ist für die Partnerin
nicht leicht. Aber wenn er sich mitverantwortlich zeigt für
die Beziehung, wenn er ihre Gefühle ernst nimmt, wenn Abmachungen
getroffen werden können und er sich daran hält, dann gibt
es durchaus eine Chance für das Zusammenleben.
Auf eine kurze Formel gebracht: Die Frau
muss für ihn die Nummer Eins, die wichtigste Partnerin bleiben,
dann lässt sich eine Lösung finden.
Kompromisse
Dafür müssen meistens Kompromisse
gefunden werden.
Um sie zu finden, muss man zuerst seine eigenen Bedürfnisse
kennen und ernst nehmen. Das müssen viele Menschen zuerst lernen.
Und man muss Konflikte aushalten können. Eine Ehe, in der ein
Partner homosexuelle Neigungen ausleben will, ist immer ein Riesenspagat.
Es gibt Spannungen, die schwer auszuhalten sind, im intimen Bereich,
im Wertesystem, in den Beziehungen mit der Familie, mit Freunden
am Arbeitsplatz, kurz für alle Beteiligten.
Nebenbei erwähnt sei, dass auch ein schwuler Freund, der mit
dem Ehemann und Familienvater in engen Kontakt kommt, einiges aushalten
muss. Vielleicht wird er versuchen, den Freund ganz für sich
zu gewinnen.
Und die Kinder müssen vielleicht Hänseleien aushalten,
sie müssen sehr früh eine erwachsene Toleranz und Flexibilität
entwickeln, während sie gerade noch dabei sind, sich selbst
zu finden und vieles mehr. Das alles beschäftigt auch die Eltern
und kann neue Konflikte hervorbringen.
Und dann die Beziehung selbst: Wieviel Freiraum
können die Partner einander zugestehen? Einmal im Monat ein
Saunabesuch, das kann für die Partnerin gerade noch auszuhalten
sein. Niemand hat das Recht zu sagen, sie sei besonders empfindlich,
kontrollierend oder allzu konservativ. Eine andere Frau lebt auch
dann weiter mit dem Partner zusammen, wenn er einen festen Freund
hat. Sie teilt ihren Mann mit dessen Freund, geniesst die Zeit,
die er mit ihr verbringt, ermöglicht ihren Kindern ein regelmässiges
Familienleben, pflegt und erhält allen das Nest, das Geborgenheit
und Wärme gibt.
Kinder sind in jedem Falle ein wichtiges
Thema. Was tun Eltern nicht alles, um ihnen einen guten Start ins
Leben zu geben? Und wie schwer ist es, eine Familie auseinander
zu reissen! Natürlich können auch getrennt lebende Eltern
gute Eltern sein, aber auch das bedingt viele Kompromisse.
Es kann auch materielle Gründe geben,
ein Geschäft, ein Haus, einen Hund, die so gravierend sind,
dass Zusammenbleiben besser ist als Trennung oder Scheidung. Wer
will darüber urteilen, ob das für die Beteiligten richtig
sei oder nicht?
Verhandlungen
Gute und tragfähige Kompromisse sind
auf jeden Fall Verhandlungssache. Es ist oft klug, wenn man sich
dazu Hilfe holt. Man kann eine Eheberatung aufsuchen oder die juristische
Seite einer Trennung klären wollen.
Es ist nicht leicht, gerecht zu sein. Die eigenen Aspekte stehen
einem nun mal immer näher als die des anderen. Es ist auch
schwer, die Gefühlsseite und die anderen Interessen auseinander
zu halten. Um der Liebe willen gibt manche/r oft zu schnell nach
und unterschätzt die eigenen Gefühle. Geben und Nehmen
müssen ausgeglichen sein. Verhandeln heisst: gibst du mir,
geb ich dir. Das klingt nicht so sehr nach Liebe? Doch, das kann
sehr liebevoll ablaufen. Und zur Liebe gehört die Fähigkeit,
auch sich selbst zu lieben.
Freilich kenne ich viele Geschichten, in denen der eine Partner
dauernd nimmt - sehr häufig ist das der Mann - und der andere
dauernd gibt, nachgibt, aufgibt, sich selbst vergisst.
Viele Kompromisse muss man zuerst ausprobieren. Bewährt sich
die gefundene Lösung? Sonst muss neu verhandelt werden, neu
austariert, bis eine für beide befriedigende Lösung gefunden
wird.
Nicht zu weit in
die Zukunft denken
Wenn man verliebt ist oder wenn man heiratet,
glaubt man für immer mit diesem Partner zusammen bleiben zu
wollen. "...bis dass der Tod uns scheidet." das haben
viele von uns versprochen und wir wollten uns daran halten. Nun
ist das nicht mehr so selbstverständlich. Ja, der Gedanke kann
sogar hinderlich sein. Wer immer für die ganze Zukunft planen
will, kann Lösungen im Moment nicht ausprobieren.
Deshalb ist es nach einem Coming Out, nach dem Verlust des alten
Glaubens und der vielleicht naiven Versprechen richtiger, das zu
tun, was JETZT stimmt. Wer das Zusammenleben neu beginnen will,
muss ihm auch eine echte Chance geben. Wenn er oder sie den Zweifeln
zuviel Raum lässt, dann geschieht alles immer nur unter Vorbehalt.
Dann kann sich gar nichts Neues entwickeln. Deshalb ist es gut,
nicht zu weit voraus zu denken, nicht zu erwarten, dass der Partner
verspricht immer treu zu bleiben. Das Pflänzchen der Liebe
und des Vertauens kann nur wieder wachsen, wenn man es gut pflegt
und nicht dauernd nachschaut, ob es auch genügend tiefe Wurzeln
geschlagen hat.
Ist das noch eine
"richtige Ehe"?
Mancher wird nun fragen: ist das noch eine
richtige Ehe? Als wir uns ineinander verliebten, hatten wir ganz
andere Träume. Auch als wir dann heirateten, glaubten wir für
immer füreinander da zu sein, die Liebe sollte stark und klar
sein und uns über alle Klippen hinweg helfen.
Das kann sie auch. Zu einer Ehe/ Partnerschaft, zur Liebe gehört
sehr viel mehr als das Glück im Bett. Gemeinsame Interessen
und Freundschaften, eine herzliche und vertrauensvolle Atmosphäre,
Eltern zu sein, beruflich etwas aufzubauen, sich um die eigenen
Eltern, Freunde, einen Garten, Tiere zu sorgen und sie liebevoll
zu pflegen... es gibt so viele Aspekte des Lebens, die ebenfalls
tragend sein können und gemeinsam getragen werden wollen. Auch
die Angst vor dem Alleinsein ist ein achtbarer Grund zusammen zu
bleiben.
Wer will urteilen, wann eine Ehe richtig sei? Keiner kann sich so
genau in das Leben und Fühlen eines anderen Menschen einfühlen,
dass er wirklich beurteilen könnte, warum diese/r sich so oder
so entschieden hat.
Oder doch Trennung?
Und wenn das alles nicht geht?
Wenn sich das Vertrauen nicht retten lässt, wenn die gegenseitige
Liebe nicht mehr gross genug ist, wenn der Spagat zu schwierig wird,
wenn sie oder er oder beide zu sehr leiden? Dann bleibt wohl nur
die Trennung.
Und nun müssen beide Partner den schwierigen
Prozess einer guten, klaren und fairen Trennung finden. Das Leben
geht auf jeden Fall weiter.
Zurück
zu den Themen
Thema:
Ist er schwul oder ist ers nicht?
Eine Frau schreibt: Ich befürchte, dass
mein Mann homosexuell sein könnte, habe aber keine Gewissheit.
Wenn ich ihn bisher darauf angesprochen habe, ist er sauer geworden
und hat alles verneint.
In praktisch jeder hetero/homosexuellen Partnerschaft
gibt es eine Phase der Unsicherheit und der Suche. Die Männer
sind sich selbst oft nicht ganz klar darüber, wer sie sind,
was ihre Phantasien bedeuten, wie zentral ihre Besuche in Saunen
und Parks mit homosexuellen Kontakten für sie eigentlich sind.
Und sie wissen oder spüren, dass es grosse Konsequenzen für
ihr Selbstverständnis und ihr Leben hat, wenn sie sich ihre
homosexuellen Neigungen eingestehen. Sie wollen ihre Familie behalten,
denn sie ist wichtig für sie. Was sie ihren Partnerinnen damit
zumuten, ist ihnen oft nicht sehr klar, bzw. sie wollen es nicht
wissen.
Wie findet dann die Partnerin Klarheit? Sie
ist in einem grossen Konflikt. Sie liebt ihren Mann, er ist der
Vater ihrer Kinder. Sie möchte dem Partner nichts unterstellen,
was nicht stimmt. Sie hat Angst als die böse Verleumderin dazustehen,
die die Familie zerstört. Wenn sie ihren Verdacht äussert,
wird der Mann nicht selten sehr wütend und leugnet alles.
Woran kann sie sich halten? Die eigenen Gefühle
sind der beste Sensor. Sie sollten also in jedem Fall ernst genommen
werden. Man sollte beobachten, wann, in welchen Situationen sie
auftreten, aus welchen Anzeichen sie sich nähren, was sie sagen.
Welche Phantasien tauchen auf? Woher könnten sie kommen? Gehen
sie vielleicht auf das eigene Konto?
Das Vertrauen ist offenbar gestört. Vielleicht ist da nur
ein Geheimnis, etwas, das die Partnerin nicht wissen soll? Dann
müsste der Partner dazu beitragen, das Vertauen wieder herzustellen.
Sauer werden oder ein Gegenangriff genügen dazu nicht.
Am Sex merkt man es nicht zwingend, ob ein
Mann schwul bzw. bisexuell ist. Manche Männer haben wirklich
Spass an beiden Geschlechtern, sind experimentierfreudig und offen.
Ihre Partnerinnen haben dann auch Spass mit ihnen im Bett.
Aber oft wird es auch sehr lustlos im Bett. Frauen spüren,
dass sie für ihre Männer nicht mehr attraktiv sind oder
niemals waren. Der Sex nimmt ab und nur die Frauen sind traurig
darüber. Die Männer sehen das nicht als Problem an, denn
sie leben sich ja an anderer Stelle aus. Das kann natürlich
auch ein Hinweis auf Potenzstörungen und ängste
sein, für die der Mann sich schämt. Den Unterschied kann
eigentlich nur er selber herausfinden. Aber die Partner sollten
offen darüber reden können.
Manchmal gibt es äussere Anzeichen:
herumliegende Männerpornohefte oder Fotos, erotische Chats
mit Männern im Internet, grosse Ausgaben im Ausgang, von denen
die Frau nichts wissen soll. Es gibt nicht selten Männer, die
sich ihr Berufsleben so einrichten, dass sie oft unterwegs sind
und sich so ein Alibi und Zeit für ihre Neigungen verschaffen.
Aber natürlich ist nicht jeder Vertreter schwul.
Es bleibt am Schluss immer nur das offene Gespräch. Und wenn
das nicht möglich ist, dann gibt es in der Beziehung ein grosses
Problem, das so oder so gelöst werden muss.
Es gibt keine einfache Antwort, es sei denn
der Partner gibt sie.
Zurück
zu den Themen